FILM · PORTRÄT

Ulrike Ottinger: Wie man eine Welt aus Bildern baut

Am 29. Oktober startet Ulrike Ottingers „Die Blutgräfin“. Ein Porträt über Bildersammlungen, Elfriede Jelineks Dialoge und die handfeste Arbeit am künstlichen Kino.

Bevor bei Ulrike Ottinger die Kamera läuft, haben die Bilder schon Gewicht. Für „Die Blutgräfin“ fertigte sie vier Drehbücher an, gefüllt mit Zeichnungen, Fotografien und gesammeltem Material. Die Bände seien kaum noch zu tragen, erzählt sie im Gespräch mit Austrian Films. Darin steckt ein Schlüssel zu ihrem Kino: Bilder sind nicht bloß Illustrationen dessen, was Figuren sagen.

Am 29. Oktober 2026 kommt „Die Blutgräfin“ in die deutschen Kinos, nach der Weltpremiere am 16. Februar in der Berlinale Special Gala. Isabelle Huppert spielt eine Vampirin, die mit ihrer Zofe, gespielt von Birgit Minichmayr, im heutigen Wien einem gefährlichen Buch nachjagt. Anlass für einen Blick auf die Arbeit dahinter: Wie entsteht ein Kino, das seine Künstlichkeit nicht versteckt?

Aus Bildern denken

Die in Konstanz aufgewachsene Künstlerin lebte von 1962 bis Anfang 1969 in Paris, malte und erlernte bei Johnny Friedlaender Radiertechniken. Über Malerei, Fotografie und Performance kam sie zum Film; 1973 zog sie nach Berlin. Auf den Piratinnenfilm „Madame X – Eine absolute Herrscherin“ von 1977 folgte die Berlin-Trilogie mit „Bildnis einer Trinkerin“, „Freak Orlando“ und „Dorian Gray im Spiegel der Boulevardpresse“. Daneben entstanden Dokumentarfilme wie „Taiga“ (1992) und „Prater“ (2007). Erfinden und Erkunden gehören gleichermaßen zu ihrem Werk.

Dass ihre Bilder nicht an die Leinwand gebunden bleiben, zeigte die Ausstellung in der Deutschen Kinemathek 2007: Neben Fotografien und collagierten Arbeitsbüchern präsentierte Ottinger Filmkostüme als theatrale Installationen. Ausstattung lässt sich hier als Teil des Denkens verstehen, nicht als nachträgliche Verschönerung.

Jelineks Sätze, Ottingers Montage

Auch Sprache wird bei ihr montiert. Die Verbindung zu Elfriede Jelinek reicht weit zurück: 1983 inszenierte Ottinger „Clara S.“ am Staatstheater Stuttgart und gestaltete die Bühne. Für „Die Blutgräfin“ lag ihr eigenes Drehbuch bereits vor, als sie Jelinek um Hilfe mit den österreichischen Dialogen bat.

Dem Österreichischen Filminstitut schilderte Ottinger, wie sie gemeinsam an den Dialogen arbeiteten. Anschließend schickte Jelinek Textbausteine und ließ ihr freie Hand bei deren Verwendung. Ottinger übernahm manches, nicht alles, und betonte die unterschiedlichen Schreibweisen. Jelinek ist entsprechend für die Mitarbeit an den Dialogen ausgewiesen. Es geht nicht um die Verfilmung eines Jelinek-Textes, sondern um eine Verbindung zweier Arbeitsweisen.

Künstlichkeit ist Arbeit

Zum Bild gehört auch, wer es herstellt. Jorge Jara entwarf die Kostüme, Christina Schaffer das Szenenbild, Martin Gschlacht führte die Kamera. Mit Jara hatte Ottinger bereits bei „Freak Orlando“ gearbeitet. Für den neuen Film begann die Kostümarbeit laut Ottinger ein Jahr vor dem Dreh. Die Kleidung sollte vom 17. Jahrhundert bis in die Gegenwart reichen: Vampire müssen sich nicht an eine Epoche halten.

Das bedeutet allerdings keine grenzenlose Freiheit. Gegenüber dem Filminstitut berichtete Ottinger von wegfallenden Drehorten und budgetbedingten Änderungen. Nach Streichungen müsse sie die Zusammenhänge im Drehbuch neu herstellen. Die künstliche Welt verlangt sehr konkrete Arbeit – und Geld.

In ihrer Regieerklärung beschreibt Ottinger den Vampir als Sinnbild für Menschen und Institutionen, die sich auf Kosten anderer erhalten. Darin liegt ein möglicher Zugang zu ihrer Künstlichkeit: Sie soll Verhältnisse erkennbar machen, nicht die Wirklichkeit hinter schönen Stoffen verschwinden lassen.

Redaktionell geprüft · 25. Oktober 2026

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