Zum Kinostart von Sandra Prechtels Dokumentarfilm „Einar Schleef – Ich habe kein Deutschland gefunden“ am 5. November wird nicht nur ein Theatermacher erinnert. Der Film stellt auch eine Frage an das Erinnern selbst: Was geschieht, wenn ein Leben vor allem durch Bilder und Stimmen aus Archiven gegenwärtig wird? Das Material ist nicht bloß Beleg für Vergangenes. In der Montage tritt es als Gegenüber auf – mit Brüchen, Wiederholungen und dem, was nicht mehr zu hören oder zu sehen ist.
Schleef, 1944 in Sangerhausen geboren und 2001 in Berlin gestorben, war Maler, Bühnenbildner, Regisseur und Autor. Seine Biografie verlief durch zwei deutsche Staaten, ohne sich in eine einfache Erzählung von Ost und West fügen zu lassen. Er arbeitete zunächst in der DDR, ging 1976 in den Westen und kehrte später als Regisseur auf die großen Bühnen zurück. Die Frage nach Heimat, Zugehörigkeit und deutscher Geschichte war für ihn keine Kulisse. Sie durchzog seine Arbeit.
Ein Künstler, der den Chor zurückholte
Schleefs Theater ist besonders mit einer Form verbunden, die das moderne Schauspiel lange an den Rand gedrängt hatte: dem Chor. In seiner Inszenierung „Mütter“ am Schauspiel Frankfurt, 1986 nach Motiven antiker Tragödien entstanden, wurde die Gruppe nicht zum Hintergrund für einzelne Hauptfiguren. Körper, Stimmen und Rhythmen konnten selbst zum dramatischen Ereignis werden. Damit verschob Schleef die gewohnte Perspektive: Nicht nur die einzelne Figur, auch das Kollektiv, seine Wucht und seine Konflikte sollten auf der Bühne sichtbar sein.
Diese Ästhetik war umstritten. Sie konnte überwältigen, aber auch verstören; das chorische Sprechen ließ sich nicht auf psychologische Einzelschicksale reduzieren. Schleefs Theater fragte, wie Geschichte in Körpern und Gruppen weiterwirkt – und wie eine Gesellschaft spricht, wenn viele zugleich sprechen. Gerade im Nachkriegsdeutschland, dessen Selbstbilder von Verdrängung und konkurrierenden Erinnerungen geprägt waren, war das keine neutrale Formfrage.
Archiv statt nachträglicher Erklärung
Prechtels Film erzählt Schleefs Leben laut filmportal.de überwiegend mit Archivmaterial, das ihn selbst zu Wort kommen lässt. Das verändert die Rolle des Dokumentarfilms. Ein nachträglich eingesprochenes Urteil könnte die widersprüchlichen Spuren einer Biografie glätten. Die überlieferte Stimme dagegen bleibt an ihren damaligen Moment gebunden: an eine Kamera, ein Gespräch, eine öffentliche Situation. Sie ist zugleich Zeugnis und Auftritt.
Darin liegt eine besondere Verantwortung der Montage. Wer Material auswählt, setzt Beziehungen: zwischen einer Äußerung und einem Bild, zwischen verschiedenen Zeiten, zwischen dem, was Schleef über sich sagt, und dem, was andere über ihn sagen. Die Abfolge kann Zusammenhänge öffnen, aber auch eine Eindeutigkeit herstellen, die das einzelne Fragment nicht besitzt. Das Archiv spricht also nicht von selbst. Es wird durch Auswahl und Schnitt lesbar – und die Auswahl bleibt Teil der Aussage.
Gegen die glatte Lebensgeschichte
Ein Porträt über Schleef muss mit einem Widerspruch umgehen: Er war ein einflussreicher, vielfach diskutierter Theatermacher und blieb zugleich schwer einzuordnen. Seine eigene Stimme kann Nähe schaffen, aber sie ersetzt keine unabhängige Einordnung. Auch ein Archivfilm ist deshalb nicht automatisch unbeteiligt. Bilder bewahren etwas, doch sie zeigen nicht alles; manche Perspektiven sind überliefert, andere fehlen. Was nicht im Material liegt, lässt sich nicht durch Montage zurückholen.
Gerade darin kann die Form produktiv werden. Statt Schleef zu einer abgeschlossenen Figur der Theatergeschichte zu erklären, hält der Film die Differenz zwischen dem Künstler und den Bildern, die von ihm geblieben sind, offen. Für die Filmgeschichte ist das eine präzise Aufgabe des dokumentarischen Archivs: Es soll nicht bloß illustrieren, was wir bereits wissen. Es kann sichtbar machen, wie wir zu unserem Wissen kommen – und wo es brüchig bleibt. Schleefs Arbeiten kreisten um die Spannung zwischen Einzelnen und Kollektiv. Ein Film, der seine Stimme aus den Überlieferungen heraus erneut hörbar macht, steht vor einer verwandten Frage: Wer spricht, wenn die Vergangenheit zurückkehrt?
Redaktionell geprüft · 4. November 2026


