LITERATUR · PORTRÄT

Fiston Mwanza Mujila und die Wege zwischen den Sprachen

Fiston Mwanza Mujila schreibt vorwiegend auf Französisch, lebt in Graz und bewegt sich durch mehrere Sprach- und Literaturwelten. Der Erich Fried Preis rückt ein Werk ins Licht, dessen Rhythmus auch beim Übersetzen und Vortragen weiterarbeitet.

Fiston Mwanza Mujila schreibt vorwiegend auf Französisch. Seine Wege führen zugleich durch mehrere Sprachen und Lebensräume: 1981 in Lubumbashi in der Demokratischen Republik Kongo geboren, lebt und arbeitet er seit Jahren in Graz. Am 15. November erhält er im Literaturhaus Wien den Erich Fried Preis 2026. Der Anlass lenkt den Blick auf eine Frage, die in der deutschen Ausgabe eines Buches leicht unsichtbar wird: Wie kommt ein Werk aus einem Sprachraum in einen anderen – und was muss dabei neu erfunden werden?

Die Antwort ist bei Mujila nicht bloß eine Frage von Wörtern. In einem Gespräch mit The White Review beschrieb er Übersetzung als schöpferischen Vorgang, der nicht nur Sätze, sondern auch Vorstellungen, Klänge und kulturelle Zusammenhänge überträgt. Er hat eigene Texte ins Deutsche übertragen und später auch auf Deutsch geschrieben. Übersetzen ist in dieser Perspektive kein nachträglicher Transport eines fertigen Gegenstands. Es ist eine Begegnung mit dem Material, bei der Bedeutungen und Töne geprüft, befragt und neu gesetzt werden.

Ein Roman, viele Stimmen

Mit „Tram 83“ wurde Mujila einem internationalen Publikum bekannt. Der 2014 auf Französisch erschienene Debütroman kam 2016 auf Deutsch heraus, übersetzt von Katharina Meyer und Lena Müller. Seine Schauplätze und Figuren entfalten sich in einem schnellen, vielstimmigen Erzählen; der Roman folgt keiner glatten, neutralen Erzählerstimme. Rhythmus, Wiederholung und abrupte Wechsel gehören zum Bauprinzip. Dass die deutsche Ausgabe zwei Übersetzerinnen nennt, macht eine Arbeit sichtbar, die sonst oft hinter dem Namen des Autors verschwindet.

Mujila hat im Gespräch die Bedeutung der Rückfragen seiner Übersetzer hervorgehoben: Wer sich mit einem Text beschäftigt, müsse auch nach seinen Bezügen und Ursprüngen fragen, statt vollständiges Verstehen einfach vorauszusetzen. Darin liegt ein wichtiger Hinweis für Leserinnen und Leser. Eine Übersetzung ist weder mechanische Übertragung noch bloße Glättung. Sie muss entscheiden, wo ein fremder Klang stehen bleibt, wie ein Wortspiel funktioniert und welche Mehrdeutigkeit nicht aufgelöst werden soll. Die Übersetzenden sind dabei nicht unsichtbare Dienstleister, sondern Mitgestaltende einer neuen Lesbarkeit.

Klang, Vortrag, Öffentlichkeit

Auch die Stimme gehört zu diesem Werk. Mujila schreibt Lyrik, Prosa und Theaterstücke und arbeitet als Performer mit Musikerinnen und Musikern. Das gesprochene Wort ist dabei nicht einfach die mündliche Version der Buchseite: Atem, Tempo und Wiederholung machen andere Eigenschaften eines Textes hörbar. Der Vortrag öffnet einen weiteren Übergang – vom geschriebenen Satz zur Stimme, vom individuellen Lesen zum gemeinsamen Hören.

Die Jury des Erich Fried Preises, 2026 vertreten durch die Schriftstellerin und Verlegerin Daniela Seel, hob die Musik und die menschliche Stimme in Mujilas Texten hervor. Das passt zu einer Literatur, die nicht so tut, als gäbe es nur eine einzige passende Sprache für Erfahrung. Französisch ist seine hauptsächliche Schreibsprache; daneben stehen seine Beschäftigung mit dem Deutschen und die Verbindungen zu weiteren Sprachen und literarischen Traditionen. Das ist keine einfache Addition von Zugehörigkeiten, sondern eine Arbeit an Übergängen – und an dem, was sich nicht vollständig übertragen lässt.

Kein fertiges Ankommen

Auf „Tram 83“ folgte unter anderem der Roman „Tanz der Teufel“, 2022 auf Deutsch erschienen, ebenfalls in der Übersetzung von Meyer und Müller. Im selben Jahr kam der Gedichtband „Kasala für meinen Kaku“ in deutscher Übertragung von Elisabeth Müller heraus. Die verschiedenen Formen zeigen einen Autor, dessen Werk nicht auf den Roman und dessen internationale Sichtbarkeit zu reduzieren ist.

Der Preis in Wien würdigt damit nicht nur einen Weg von Lubumbashi nach Graz oder vom Französischen ins Deutsche. Er markiert vielmehr, dass Literatur in mehreren Räumen zugleich entstehen und gelesen werden kann. Was im Deutschen ankommt, ist weder bloß Kopie noch abgeschlossener Zielpunkt. Zwischen Original, Übersetzung und öffentlichem Vortrag bleibt ein produktiver Zwischenraum – hörbar in Rhythmus und Stimme, lesbar in den Entscheidungen, die eine Sprache für die andere trifft.

Redaktionell geprüft · 3. November 2026

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