FILM · PORTRÄT

Ulrike Ottinger: Das Kino beginnt lange vor der Kamera

Ulrike Ottinger sammelt, fotografiert und zeichnet, bevor sie dreht. Zum Kinostart von „Die Blutgräfin“ zeigt ihre Arbeit zwischen Materialbuch und Kostümwerkstatt, wie aus bildender Kunst Kino wird.

Bevor Ulrike Ottingers Kino auf eine Leinwand kommt, nimmt es Platz zwischen Buchdeckeln ein. Fotografien, Zeichnungen und gesammelte Materialien bilden dort eine zweite Fassung des Films neben dem Drehbuch. Das sind keine nachträglich angelegten Erinnerungsalben, sondern Arbeitsinstrumente: Mit ihnen werden Farben, Gegenstände und Figuren besprechbar, lange bevor die Kamera läuft.

„Die Blutgräfin“, seit dem 29. Oktober 2026 in den deutschen Kinos, gibt Anlass, diese weniger sichtbare Seite ihrer Autorschaft zu betrachten. Isabelle Huppert spielt die Gräfin, Birgit Minichmayr deren Zofe; ein bedrohliches Buch setzt eine Jagd durch Wien in Gang. Für das Porträt der Regisseurin ist allerdings ein anderes Buch entscheidend: jenes, in dem sie ihre Bilder vorbereitet.

Von der Malerei zum bewegten Bild

Ottinger, 1942 in Konstanz geboren, arbeitete von 1962 bis 1969 als freie Künstlerin in Paris. Über Malerei, Fotografie und Performance kam sie Anfang der siebziger Jahre zum Film. 1973 zog sie nach Berlin. Dort entstand später ihre Berlin-Trilogie mit „Bildnis einer Trinkerin“, „Freak Orlando“ und „Dorian Gray im Spiegel der Boulevardpresse“. Dokumentarische Arbeiten wie „Chamissos Schatten“ und „Paris Calligrammes“ gehören ebenso zu ihrem Werk.

Der Wechsel zum Film bedeutete offenbar keinen Abschied von den anderen Künsten. Wie handfest ihre Verbindung bleibt, dokumentiert das Archiv, dessen schrittweise Übernahme die Deutsche Kinemathek und die Akademie der Künste 2023 bekanntgaben: Neben Filmen und Fotografien umfasst es Dreh- und Arbeitsbücher, Kostüme und Requisiten. Das bewegte Bild hat bei Ottinger eine materielle Vorgeschichte.

Ein Entwurf wird gemeinsame Arbeit

Für „Die Blutgräfin“ habe sie zusätzlich zum Drehbuch ein Materialbuch angelegt, erläutert Ottinger im Filmdienst. Anhand dieser Vorlage seien Kostüme, Accessoires und Dekors detailliert besprochen worden. Mit dem Kostümbildner Jorge Jara arbeitete sie nach eigener Aussage ein Jahr an Entwürfen, Materialien und Farben, mit der Ausstatterin Christina Schaffer ein halbes Jahr an der Vorbereitung.

Die Arbeit verteilte sich auf zwei Pavillons auf dem Wiener Otto-Wagner-Areal: hier Kostüm und Maske, dort Ausstattung und Requisiten. Eine alte Kutsche wurde restauriert, ein Boot gebaut. Schon im Vorbereitungsgespräch mit dem Österreichischen Filminstitut zählte Ottinger die beteiligten Handwerke auf, vom Schreinern bis zum Buchbinden und Gravieren. Ihr Bildentwurf braucht Menschen, die Materialien bearbeiten und technische Lösungen finden.

Das korrigiert auch die bequeme Vorstellung vom einsamen Künstlergenie. Ottingers Autorschaft liegt nicht darin, alles allein herzustellen. Sie besteht darin, Beziehungen zwischen den Dingen zu bestimmen. Im selben Gespräch betont sie, dass jedes Objekt und seine Farbe Bedeutung für ihre Bildsprache besitzen. Das Kostüm ist in dieser Arbeitsweise nicht die letzte Hülle einer fertigen Figur, sondern Teil ihrer Entwicklung.

Genauigkeit unter Druck

Lange Vorbereitung schützt allerdings nicht vor den Bedingungen des Filmbetriebs. Bereits im Dezember 2024 berichtete Ottinger dem Filminstitut von budgetbedingten Drehbuchänderungen und wegfallenden Drehorten. Eine Streichung verlangte, die Verbindungen im Buch neu herzustellen. Hinter dem visuellen Entwurf steht also auch die Fähigkeit zum Umbau.

Bei „Die Blutgräfin“ übernahm Martin Gschlacht die Kamera – erstmals führte Ottinger sie nach eigener Aussage nicht selbst. Gegenüber Austrian Films beschreibt sie die gemeinsame Planung der Einstellungen, auch unterschiedliche Vorstellungen. „Ich gehe immer von den Bildern aus“, sagt sie dort. Doch diese Bilder müssen sich im Austausch bewähren. Ihr Kino entsteht vor der Kamera; seine Arbeit beginnt mit Sammeln, Zeichnen und Entscheiden. Und sie setzt sich fort, wenn andere den Entwurf in Stoff, Holz, Licht und Bewegung übersetzen.

Redaktionell geprüft · 30. Oktober 2026

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