Manche Apparate machen sichtbar, indem sie auswählen: ein Objekt wird beleuchtet, eine Stimme verstärkt, ein Bild gerahmt. Andere bleiben im Hintergrund und bestimmen, was überhaupt wahrnehmbar wird. In Appenzell widmen sich zwei parallel eröffnende Ausstellungen solchen Bedingungen des Sehens und Hörens – von sehr verschiedenen Seiten.
Ab dem 15. November zeigt das Kunstmuseum Florian Germanns «Zwölf Leben», die Kunsthalle parallel Gabriela Löffels «Grammatik der Lücken». Die Häuser nennen für beide Präsentationen den Zeitraum bis zum 11. April 2027. Schon die Nachbarschaft eröffnet einen Vergleich: Germann denkt Skulptur als offenes System, Löffel verfolgt, wie Bilder, Sprache und technische Infrastrukturen Wirklichkeit vermitteln. Das ist eine produktive Klammer, aber keine Behauptung, beide Künstler*innen verträten dieselbe These.
Skulpturen als offene Systeme
Germanns Arbeiten können Skulpturen, Modelle oder Versuchsanordnungen sein. Das Kunstmuseum beschreibt sie als Begegnungsorte für Menschen, Tiere, Technik und Umwelt; manche werden tatsächlich von Pflanzen, Insekten oder Vögeln genutzt. Damit verschiebt sich die Frage nach dem Werk: Es ist nicht nur eine Form, die betrachtet wird, sondern kann auch Lebensraum sein und auf seine Umgebung reagieren.
Die Ausstellung soll unterschiedliche Werkformen zusammenführen und das Museum selbst samt Übergang zwischen Innen- und Außenraum einbeziehen. Konkrete Angaben zur Anordnung sind vorab nicht veröffentlicht. Eine Beschreibung der künftigen Räume wäre deshalb Spekulation. Sicher ist: Germanns Ansatz richtet den Blick auf Energie und Wechselwirkung – darauf, was zwischen Material, Lebewesen und künstlichen Systemen zirkuliert. Eine Apparatur muss hier nicht wie ein Gerät aussehen. Sie kann eine Beziehung organisieren.
Was Bilder und Stimmen auslassen
Löffels Arbeit setzt bei den Verfahren an, mit denen Wirklichkeit erzählt und geordnet wird. Ihre Videoarbeiten entstehen laut Kunsthalle aus längeren Recherchen an Orten wie militärischen Übungsarealen, Finanzveranstaltungen oder Gerichtssälen. In Installationen verbindet sie Bild, Ton, Sprache und räumliche Inszenierung. Entscheidend ist nicht nur, was zu sehen ist, sondern auch: Wer spricht? Was bleibt unhörbar? Und wodurch entsteht der Eindruck, eine Darstellung sei vollständig?
Die Ausstellung führt Arbeiten aus verschiedenen Jahren zusammen. «Setting» (2011) befasst sich mit der Inszenierung von Krieg und seiner audiovisuellen Vermittlung, unter anderem anhand von Berichten ehemaliger Statist*innen eines US-Militärübungsplatzes in Grafenwöhr. «Grammar of Calculated Ambiguity» (2024) nimmt unverständliche Passagen einer Tonaufnahme von einer Offshore-Finanzkonferenz zum Ausgangspunkt: Fachleute rekonstruieren sie in einem Aufnahmestudio. In beiden Fällen wird die Vermittlung selbst zum Gegenstand – die Stimme ist nicht einfach Beleg, das Bild kein neutrales Fenster.
Löffels neue Mehrkanal-Videoinstallation «for the record» (2026) greift den Zusammenbruch des libanesischen Bankensystems und mögliche Verbindungen zum Schweizer Finanzplatz auf. Sie arbeitet mit Archivmaterial und einer fiktiven Gerichtsverhandlung, die mit Jurastudierenden in Beirut inszeniert wurde. Die Konstruktion macht den Fall nicht zur bloßen Illustration: Sie legt offen, wie Recht, Recherche und filmische Darstellung eine Wirklichkeit untersuchen und zugleich formen.
Zwei Maßstäbe des Wahrnehmens
Germann und Löffel setzen unterschiedliche Akzente. Bei Germann richtet sich die Aufmerksamkeit auf Beziehungen zwischen Körpern, Materialien und Umwelten; bei Löffel auf die Regeln und Infrastrukturen, die Bilder und Aussagen lesbar machen. In beiden Fällen lässt sich Wahrnehmung als etwas verstehen, das nicht einfach geschieht, sondern Bedingungen hat. Doch während Germanns Arbeiten laut Museum Begegnungen und Prozesse ermöglichen sollen, fragt Löffels Praxis nach den politischen und wirtschaftlichen Interessen, die Sichtbarkeit verteilen.
Parallel kuratiert Löffel für die Reihe «Imagining Kunsthalle» ein Videoprogramm mit Arbeiten von Basma al-Sharif, Marwa Arsanios, Haig Aivazian, Border Forensics, Miranda Pennell und Mohamed Choucair. Es widmet sich unter anderem der Erinnerung politischer Ereignisse und der Rolle von Archiven, Zeugenaussagen und forensischen Bildern. So erweitert sich der Blick von der einzelnen Installation auf kollektive Formen des Zeigens und Bezeugens.
Die Stärke des Vergleichs liegt darin, die Werke nicht auf eine gemeinsame Formel zu reduzieren. Eine Skulptur, die als Lebensraum gedacht ist, ist nicht dasselbe wie eine Videoarbeit, die Machtverhältnisse rekonstruiert. Zusammen können die Ausstellungen jedoch eine Frage schärfen: Welche Apparate – sichtbare und unsichtbare – vermitteln unsere Wahrnehmung, und wer kann sie verändern? Das wird sich erst in den konkreten Räumen zeigen.
Redaktionell geprüft · 1. November 2026


