FILM · VORSCHAU

Wer darf über ein junges Leben entscheiden?

Eine 17-Jährige will ins Kloster – und stellt damit die Erwartungen ihrer Familie infrage. Zum Kinostart von „Glaube“ erzählt Regisseurin Alauda Ruiz de Azúa von Berufung, Selbstbestimmung und den Grenzen familiärer Fürsorge.

Eine 17-Jährige soll sich Gedanken über ihr Studium machen. Doch Ainara denkt an ein anderes Leben: Sie fühlt sich Gott nahe und erwägt, in ein Kloster einzutreten. Für ihre Familie kommt das überraschend. Was als Entscheidung über die eigene Zukunft beginnt, wird zum Konflikt darüber, wer sie überhaupt mitentscheiden darf – und aus welchen Gründen.

Am 29. Oktober startet „Glaube“ bundesweit in den deutschen Kinos. Die spanische Regisseurin Alauda Ruiz de Azúa erzählt in ihrem zweiten Spielfilm von einer religiösen Berufung, ohne die Frage auf eine einfache Gegenüberstellung von freiem Willen und familiärem Druck zu verkürzen. Die Familie kann Schutz und Bindung bedeuten, aber auch Erwartungen aufrichten, die einem jungen Menschen den eigenen Weg versperren.

Eine Berufung, die niemand einordnen kann

Ainara, gespielt von Blanca Soroa, ist keine Außenseiterin, die sich von der Welt abwendet. Sie geht auf eine katholische Schule, singt im Chor und bewegt sich in einem Alltag, der vielen Gleichaltrigen vertraut sein dürfte. Dass sie sich zugleich zum Ordensleben hingezogen fühlt, bringt die Vorstellungen ihrer Angehörigen durcheinander. Besonders ihre Tante Maite, dargestellt von Patricia López Arnaiz, hält den Plan für falsch und will Ainara umstimmen. Der Vater Iñaki bleibt der Verleihbeschreibung zufolge zunächst eher auf Abstand.

Damit verteilt der Film die Gewissheiten nicht bequem: Die Sorge der Familie muss nicht bloß Kontrolle sein; sie kann aus Zuneigung entstehen. Zugleich ist Zuneigung kein Freibrief, über das Leben eines anderen Menschen zu bestimmen. Gerade weil Ainara noch minderjährig ist, wird die Frage drängend, wie ernst man ihren Entschluss nehmen kann, ohne mögliche Einflüsse aus Familie oder religiösem Umfeld auszublenden. Der Film lässt diese Spannung bestehen, statt sie mit einem schnellen Urteil aufzulösen.

Familie als Schauplatz des Konflikts

Ruiz de Azúa interessiert sich wieder für die Familie als Institution: für Nähe, Abhängigkeit und die Mühe, aus Verbundenheit einen sicheren Ort zu machen. In ihrem Spielfilmdebüt „Cinco lobitos“ (international: „Lullaby“) richtete sie den Blick auf Mutterschaft und die Weitergabe familiärer Verantwortung; mit der Serie „Querer“ nahm sie eine Ehe und ihre Machtverhältnisse in den Fokus. „Glaube“ führt diese Beschäftigung in ein anderes Feld: Eine religiöse Entscheidung legt offen, wie schnell Fürsorge in Überredung umschlagen kann.

Der deutsche Verleihtitel lenkt den Blick auf den Glauben. Der Originaltitel „Los domingos“ – „Die Sonntage“ – ruft zugleich den Tag des Gottesdienstes und den familiären Versammlungstag auf. Regisseurin Ruiz de Azúa hat die Sonntage als Anlass beschrieben, an dem sehr unterschiedliche Menschen zusammenkommen, manchmal aus Pflichtgefühl. Im Film treffen so zwei mögliche Zugehörigkeiten aufeinander: die Bindung an die Familie und die Suche nach einer religiösen Gemeinschaft.

Kein Urteil von außen

Der Film hatte 2025 beim Festival von San Sebastián Premiere und erhielt dort die Goldene Muschel als bester Film. Das macht „Glaube“ zu einer der international beachteten Arbeiten der Regisseurin; ein Urteil über den Film lässt sich daraus aber nicht vorwegnehmen. Interessant ist zunächst die Frage, die seine Ausgangslage aufwirft: Wird Ainaras Wunsch als Ausdruck einer eigenen Überzeugung gehört – oder vor allem als Problem, das andere für sie lösen wollen?

Ein Film kann diese Frage stellen, aber nicht stellvertretend für die Jugendliche beantworten. Zum deutschen Kinostart am 29. Oktober rückt „Glaube“ damit einen Konflikt ins Zentrum, der über religiöse Berufung hinausweist: wie Erwachsene junge Menschen begleiten können, ohne ihnen die Entscheidung aus der Hand zu nehmen.

Redaktionell geprüft · 26. Oktober 2026

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