BÜHNE · VORSCHAU

Wessen Gegenwart spricht durch „Hamlet“?

Shakespeare trifft Wilke Weermann: Ersan Mondtags „Hamlet“ hat am 5. November am Berliner Ensemble Premiere. Die angekündigte Bearbeitung fragt, ob der Wunsch, eine beschädigte Welt zu reparieren, selbst Gewalt hervorbringt.

Ein toter Vater hinterlässt nicht nur Trauer, sondern einen Auftrag. In Shakespeares „Hamlet“ verlangt der Geist des verstorbenen Königs vom Sohn Rache. Doch aus wessen Recht spricht diese Stimme? Aus dem des Ermordeten, des Vaters, des früheren Herrschers? Schon die Ausgangslage verbindet eine private Bindung mit einem politischen Anspruch: Der Sohn soll handeln, weil die Vergangenheit es fordert.

Am Berliner Ensemble wird nun bereits die Autorenzeile zum Signal: „Hamlet“ von William Shakespeare / Wilke Weermann. Ersan Mondtag inszeniert die Produktion, deren Premiere am 5. November 2026 um 19.30 Uhr im Großen Haus angekündigt ist. Der Schrägstrich wirft eine Frage auf: Was stammt aus dem überlieferten Drama, was setzt die heutige Bearbeitung dagegen – und was entscheidet erst die Regie?

Der Prinz ist nicht automatisch im Recht

Die Ankündigung des Hauses legt eine Perspektive nahe, die Hamlet nicht selbstverständlich zum moralischen Gegenüber einer verdorbenen Welt erklärt. Sie fragt vielmehr, warum der Sohn glaubt, durch die gewaltsame Vergeltung für den alten Patriarchen auch die Geschichte berichtigen zu können. Mondtag und Weermann richten ihren Blick demnach auf eine Gesellschaft, deren gewaltförmige Ordnung Kräfte der eigenen Zerstörung freisetzt.

Damit verschiebt sich das Interesse vom berühmten Zögern auf den Anspruch zu handeln. Nicht nur: Warum tut Hamlet nichts? Sondern auch: Was berechtigt ihn dazu, seine Verletzung zum Maßstab einer ganzen politischen Ordnung zu machen? Das ist zunächst die angekündigte Lesart, kein Befund über die Aufführung. Interessant wäre, ob die Inszenierung dabei auch den Widerspruch offenhält: Ein berechtigter Einspruch gegen Unrecht muss noch keine gerechte Antwort hervorbringen.

Drei Ebenen der Verantwortung

Shakespeare liefert dafür keine eindeutige Gebrauchsanweisung. Sein Prinz muss prüfen, ob der Erscheinung zu trauen ist. Der Racheauftrag kommt also nicht mit einem verlässlichen Wahrheitsnachweis. Diese Unsicherheit gehört zum dramatischen Konflikt; sie ist nicht erst eine heutige Zutat.

Weermanns Anteil geht offenbar über eine bloße Einrichtung des Textes hinaus. In einem im September veröffentlichten Gespräch mit Elke Buhr für den Monopol-Podcast bezeichnete Mondtag die Arbeit als Neuschreibung. Welche Passagen übernommen, ersetzt oder neu angeordnet werden, lässt sich aus den zugänglichen Angaben allerdings nicht bestimmen. Die gemeinsame Autorenzeile macht den gegenwärtigen Eingriff sichtbar, legt dessen Umfang aber noch nicht offen.

Die Regie wiederum entscheidet, wie diese Textarbeit körperlich und räumlich wirksam wird. Mondtag verantwortet auch die Bühne; Josa Marx die Kostüme, Robert Lippok die Musik, Hans Fründt das Licht und Sibylle Baschung die Dramaturgie. Welche Räume und Klangverhältnisse daraus entstehen, ist vorab nicht belastbar zu beschreiben. Gerade deshalb sollte man das politische Programm nicht mit seiner szenischen Einlösung verwechseln.

Wer bekommt eine Gegenstimme?

Sebastian Zimmler spielt Hamlet, Pauline Knof Gertrud und Marc Oliver Schulze Claudius. Pierre Emö übernimmt Ophelia und Fortinbras. Diese Doppelbesetzung verbindet zwei sehr unterschiedliche Positionen im Gefüge des Stücks. Ob daraus ein Kommentar über Nähe und Staatsmacht entsteht, bleibt eine Frage an den Abend, keine vorweggenommene Deutung.

Entscheidend dürfte sein, ob neben Hamlets Anspruch auch die Sichtweisen der anderen Figuren Gewicht erhalten. Wessen Gegenwart dieser „Hamlet“ spricht, entscheidet sich nicht allein an neuen Sätzen. Es entscheidet sich ebenso daran, wer widersprechen darf – und ob der Prinz diesen Widerspruch überhaupt hört.

Eine Voraufführung ist für den 4. November angekündigt; nach der Premiere folgen im November Vorstellungen am 7., 8., 14. und 15. November. Ein Ende der Repertoirelaufzeit ist nicht ausgewiesen.

Redaktionell geprüft · 1. November 2026

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