BILDENDE KUNST · PORTRÄT

Nevin Aladağ: Das Auto als Klangkörper der Erinnerung

Ein Porsche, der ihrem verstorbenen Vater gehörte, wird in Nevin Aladağs neuer Arbeit zur bespielbaren Klangskulptur. Die Ausstellung im Sprengel Museum verbindet diesen persönlichen Ausgangspunkt mit einer künstlerischen Praxis, in der Dinge, Klänge und kulturelle Zugehörigkeiten in Bewegung geraten.

Ein Porsche als Klangkörper: Für ihre Ausstellung zum Kurt Schwitters Preis 2026 nimmt Nevin Aladağ einen Gegenstand aus der eigenen Familiengeschichte zum Ausgangspunkt. Der Wagen gehörte ihrem Vater Ismail, der 2023 starb. Das Sprengel Museum Hannover kündigt an, dass Aladağ ihn in eine bespielbare Skulptur verwandelt – mit Instrumenten wie Saz, Kabassa und Akkordeon. Wie genau die Teile am Fahrzeug angeordnet und spielbar werden, ist vor der Eröffnung noch nicht öffentlich beschrieben. Gerade diese offene Frage gehört zum Werk: Ein vertrautes Objekt soll nicht bloß an jemanden erinnern, sondern Klang hervorbringen.

Die Arbeit ist persönlich, aber nicht als private Reliquie angekündigt. Aladağ verbindet ihre Familiengeschichte mit einer künstlerischen Untersuchung, die sich seit Jahren um Dinge, ihre Herkunft und ihre kulturelle Bedeutung dreht. In Hannover tritt diese Linie in eine neue, ausdrücklich biografische Nähe.

Wenn Dinge anfangen zu spielen

Nevin Aladağ wurde 1972 in Van in der Türkei geboren und wuchs in Stuttgart auf. Von 1994 bis 2000 studierte sie Bildhauerei bei Olaf Metzel an der Akademie der Bildenden Künste München. Heute lebt sie in Berlin und lehrt seit 2019 „Skulptur in Bewegung“ an der Hochschule für Bildende Künste Dresden. Ihre Arbeit umfasst Skulptur, Installation, Video und Performance; wiederkehrend fragt sie, wie Menschen und Orte durch Dinge, Klänge und kulturelle Überlieferungen geprägt werden.

In „Music Room“ machte sie Möbel zu Instrumenten. In der Videoarbeit „City Language I“ von 2009 lässt sie Umwelteinflüsse Musikinstrumente zum Klingen bringen: Luft, Wasser und Tiere übernehmen dort Aufgaben, die gewöhnlich Musikerinnen und Musikern zukommen. Das SFMOMA beschreibt diese Arbeiten als Erkundungen dessen, wie Identität und Gemeinschaft entstehen. Klang ist dabei nicht bloß Begleitung einer Skulptur. Er verändert, wie ein Gegenstand wahrgenommen wird – und wer ihn in Bewegung setzen kann.

Der Porsche führt dieses Interesse in ein anderes Verhältnis. Ein Auto ist Gebrauchsgegenstand, technisches Objekt und möglicher Speicher gemeinsamer Wege. Doch dass es im konkreten Fall solche Erinnerungen trägt oder welche Bedeutung der Wagen für die Familie hatte, ist bislang nicht näher ausgeführt. Sicher ist nur der biografische Bezug: Es war das Fahrzeug des Vaters. Die Skulptur macht daraus keinen bloßen Stellvertreter für Trauer; sie gibt dem Gegenstand eine neue Funktion. Statt gefahren zu werden, soll er musikalisch aktiviert werden.

Erinnerung als Zusammenarbeit

Für Aladağs Praxis ist die Zusammenarbeit mit Musikerinnen und Musikern wesentlich. Das Sprengel Museum kündigt eine musikalische Aktivierung der Installation zur Preisverleihung und weitere Bespielungen im Ausstellungsprogramm an. Wie die Beteiligten die einzelnen Elemente des Autos zum Klingen bringen, welche Instrumentenbauer oder Musiker an der Entwicklung beteiligt sind und ob die Arbeit eigens komponierte Abläufe vorsieht, ist bislang nicht bekannt. Eine konkrete Aussage der Künstlerin zu diesen Entscheidungen liegt in den zugänglichen Ankündigungen ebenfalls nicht vor.

Diese Lücken sind wichtig: Sie lassen sich nicht durch eine fertige Deutung ersetzen. Die angekündigte Arbeit steht vielmehr an einer Schwelle zwischen privater Erinnerung und öffentlichem Ereignis. Das Auto bleibt mit einer Familiengeschichte verbunden, wird aber zum Instrument, das andere Hände und Ohren benötigt. Erinnerung erscheint so nicht als abgeschlossene Erzählung, sondern als etwas, das durch gemeinsames Spielen immer wieder neu in Gang gesetzt werden kann.

Am 27. November 2026 soll Aladağ im Sprengel Museum mit dem Kurt Schwitters Preis ausgezeichnet werden; die Ausstellung ist vom 28. November bis zum 21. Februar 2027 angekündigt. Der Preis würdigt Künstlerinnen und Künstler, die Gattungen verbinden oder neue Bereiche künstlerischen Gestaltens erschließen. Bei Aladağ wird diese Verbindung hörbar und körperlich: Ein Objekt aus dem Alltag wird zur Skulptur, und die Skulptur bleibt nicht stumm. Was das für die Erinnerung an ihren Vater bedeutet, wird erst im Gespräch mit der Künstlerin und in der Begegnung mit der Arbeit genauer zu verstehen sein.

Redaktionell geprüft · 26. Oktober 2026

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