BILDENDE KUNST · HINTERGRUND

Künstlerinnen zeigen – aber auch Museumsgeschichte ändern

Eine Ausstellung der ALBERTINA rückt fünf Jahrhunderte Künstlerinnen aus der eigenen Sammlung ins Zentrum. Doch Sichtbarkeit im Sonderausstellungsraum ist erst der Anfang: Entscheidend ist, ob Forschung, Ankauf und Dauerpräsentation folgen.

Am 30. Oktober eröffnet die ALBERTINA in Wien eine Ausstellung über Künstlerinnen der eigenen Sammlung. Fünf Jahrhunderte sollen in den Blick kommen: von frühen Zeichnerinnen und Druckgrafikerinnen bis zu feministischen Positionen der 1970er-Jahre. Die Namen reichen von Maria Sibylla Merian und Angelika Kauffmann über Käthe Kollwitz und Louise Bourgeois bis zu Maria Lassnig und VALIE EXPORT. Die Frage hinter der Schau reicht weiter als ihre Laufzeit: Wann wird Sichtbarkeit zur Veränderung der Institution, die auswählt, bewahrt und Kunstgeschichte erzählt?

Was die Sammlung erzählt – und was nicht

Die ALBERTINA beschreibt die Ausstellung als erste umfassende Bestandsaufnahme der Künstlerinnen in ihrer Sammlung. Sie ist zugleich Teil des Jubiläumsprogramms zum 250-jährigen Bestehen des Hauses. Das Museum verweist auf ein Forschungsprojekt, das Künstlerinnen in allen Bereichen der Bestände untersucht. Dabei seien Werke zutage getreten, die bislang selten oder gar nicht gezeigt worden seien. Eine Ausstellung kann solche Lücken sichtbar machen; sie kann auch die Frage aufwerfen, wie sie entstanden sind.

Denn Sammlungen sind keine neutralen Abbilder der Kunstgeschichte. Sie tragen die Entscheidungen ihrer jeweiligen Zeit in sich: was gesammelt, katalogisiert, ausgestellt und als maßgeblich vermittelt wurde. Eine 2017 veröffentlichte Untersuchung zu Fotografinnen in den Beständen von zehn europäischen Museen stellte eine deutliche Unterrepräsentation fest. Sie liefert keine Bestandsaufnahme der ALBERTINA und lässt sich nicht direkt auf alle Kunstgattungen übertragen. Als Hinweis auf ein strukturelles Problem ist sie dennoch relevant: Was in einem Museum fehlt, ist oft nicht allein eine Frage des aktuellen Hängens.

Zum Blick auf die Sammlung gehört auch ihre Gründungsgeschichte. Die ALBERTINA hebt hervor, dass Erzherzogin Marie Christine neben Herzog Albert an der Entstehung des Hauses beteiligt war: Ihr Vermögen ermöglichte bedeutende Ankäufe, und sie war selbst künstlerisch tätig. Auch hier wird die Erzählung neu gewichtet – nicht indem eine bisherige Geschichte einfach umgedreht wird, sondern indem eine lange weniger beachtete Akteurin in ihr Zentrum rückt.

Die Sonderausstellung als Anfang

Dass Künstlerinnen sichtbar werden, ist nicht dasselbe, wie die Institution dauerhaft zu verändern. Eine zeitlich begrenzte Schau kann Werke aus dem Depot holen und Forschung anstoßen; danach können sie wieder aus dem öffentlichen Blick verschwinden. Entscheidend ist deshalb, was folgt: Werden Bestände weiter erschlossen? Ändern sich Erwerbungen? Werden Werke regelmäßig in Sammlungsräumen gezeigt und ihre Beiträge in kunsthistorischen Erzählungen mitgeführt?

Das ist keine Forderung nach einer einzigen Quote, die alle Sammlungen gleich behandeln müsste. Es ist die Frage, ob Museen ihre Entscheidungen nachvollziehbar machen und prüfen, wessen Werke in ihren Beständen und Ausstellungen fehlen. Auch die ALBERTINA formuliert diese Frage selbst für ihre historische Sammlung. Für Gegenwartskunst, heißt es im Jubiläumsprogramm, sei die Berücksichtigung von Künstlerinnen bei Neuerwerbungen inzwischen selbstverständlich; bei älteren Beständen bleibe die Prüfung offen. Zwischen beiden Bereichen liegt die eigentliche Arbeit: überlieferte Lücken erkennen, Werke erforschen und die Konsequenzen in Auswahl und Präsentation ziehen.

Zwei Ausstellungen, verschiedene Maßstäbe

In Frankfurt widmet die Schirn Leonor Fini eine große Retrospektive, die vom 23. Oktober 2026 bis zum 21. Februar 2027 läuft. Rund hundert Werke sollen Malerei, Zeichnungen, Fotografien und Objekte aus mehreren Jahrzehnten zusammenführen. Fini, die 1907 in Buenos Aires geboren wurde und 1996 starb, steht dem Surrealismus nahe, entwickelte aber eine eigenständige Bildsprache zwischen Traum, Mythos und Inszenierung. Die Schirn beschreibt in ihrem Werk starke Frauenfiguren und androgyn angelegte Gestalten, die vertraute Geschlechterrollen verschieben.

Die Ausstellung in Frankfurt und die Schau in Wien verfolgen unterschiedliche Maßstäbe: hier eine Retrospektive zu einer einzelnen Künstlerin, dort ein epochenübergreifender Blick auf Frauen in einer Sammlung. Gemeinsam ist ihnen, dass sie Aufmerksamkeit nicht mit Aufarbeitung verwechseln sollten. Eine Retrospektive kann eine Künstlerin neu einordnen; eine Sammlungspräsentation kann zeigen, was ein Haus bereits besitzt. Ob daraus eine andere Museumsgeschichte wird, entscheidet sich aber auch nach dem Abbau der Ausstellung – in den Katalogen, in der Forschung, bei den nächsten Ankäufen und an den Wänden, die bleiben.

Für die ALBERTINA ist der Auftakt konkret: Das Forschungsprojekt soll weitergehen. Wie sich seine Erkenntnisse auf künftige Präsentationen auswirken, ist noch offen. Genau daran wird sich messen lassen, ob Künstlerinnen nicht nur für einige Monate im Mittelpunkt stehen, sondern dauerhaft Teil dessen werden, was ein Museum als seine Geschichte zeigt.

Redaktionell geprüft · 26. Oktober 2026

Neu im Magazin

Alle

KI · FRAG DEN ARTIKEL

Fragen?

Fragen stellen oder den Artikel vorlesen lassen · Mikrofon nötig · höchstens 5 Minuten

Ihre Fragen werden nicht gespeichert. KI-Antworten können Fehler enthalten. Es gelten unsere AGB und Datenschutzbestimmungen.