ARCHITEKTUR & DESIGN · HINTERGRUND

Architektur in Bewegung: Was Wim Wenders’ Zumthor-Film zeigen kann

Wim Wenders’ neuer Dokumentarfilm führt in die Architektur von Peter Zumthor – und stellt eine alte Frage neu: Was kann ein Bild vom Raum vermitteln? Die Erweiterung der Fondation Beyeler zeigt, was die Kamera sichtbar macht und was erst beim eigenen Besuch erfahrbar wird.

Ein Gebäude lässt sich betreten, durchqueren, bewohnen. Ein Film kann es zeigen, aber nicht betreten lassen. Gerade diese Differenz macht Wim Wenders’ „From Inside Out – Die Architektur von Peter Zumthor“ interessant: Zum Kinostart am 26. November 2026 verspricht das Porträt keinen Ersatz für den Besuch, sondern eine Übersetzung von Architektur in Bewegung, Bild und Zeit.

Wenders und der Schweizer Architekt arbeiten seit einem gemeinsamen Kurzfilm von 2012 an diesem Langzeitprojekt. Im Zentrum stehen Zumthors Werk und zwei damals entstehende Vorhaben: die Erweiterung der Fondation Beyeler in Riehen bei Basel und der Neubau des Los Angeles County Museum of Art. Der Film entstand über mehr als vierzehn Jahre und wurde in 3D gedreht, wie Filmfestivals und Verleih mitteilen. Das Verfahren kann Tiefe betonen und den Blick durch Räume lenken. Aber ein räumlicher Effekt im Kinosaal bleibt eine organisierte Perspektive: Die Kamera wählt Weg, Abstand und Ausschnitt; das Publikum folgt einer Montage.

Der Raum ist mehr als sein Bild

Architektur wird nicht allein aus Wänden, Decken und Fassaden gemacht. Licht verändert sich im Tageslauf, Materialien werden berührt und altern, Wege kreuzen sich oder bleiben leer. Auch Maßstab erschließt sich körperlich: Ein Durchgang kann eng wirken, eine Halle weit, eine Schwelle hoch oder beiläufig. Der Film kann solche Eigenschaften sichtbar machen, etwa indem er Bewegung und Dauer ins Bild setzt. Er kann aber weder den eigenen Schritt noch Temperatur, Geräusch, Geruch oder die Freiheit vermitteln, stehenzubleiben und anderswohin zu gehen.

Das ist keine Schwäche, die sich mit einer noch beweglicheren Kamera einfach beheben ließe. Es ist eine Grenze des Mediums – und zugleich sein Thema. Wo ein Plan Grundriss und Maßstab ordnet, kann die Kamera Blickbeziehungen, wechselnde Perspektiven und die Folge von Räumen erfahrbar machen. Wo sie schneidet, entscheidet sie, was außerhalb des Bildes bleibt. Auch 3D macht aus einer geführten Sicht keine eigene Bewegung.

Drei Häuser im Park

Die Fondation Beyeler bietet dafür einen konkreten Prüfstein. Das bestehende Museum von Renzo Piano wird durch drei Bauten von Atelier Peter Zumthor ergänzt: das Wyss Museum, den Ammann Pavillon und das Erlen Torhaus. Die Erweiterung ist kein einzelner großer Block. Sie verteilt unterschiedliche Aufgaben auf mehrere Gebäude und bezieht den Park in das Ensemble ein. Das Wyss Museum ergänzt die Ausstellungsfläche um rund 1.500 Quadratmeter auf drei Etagen.

Besonders anschaulich lässt sich die Materialidee beschreiben: Für die Fassade des Museums ist Stampfbeton mit Jurakalk vorgesehen beziehungsweise umgesetzt worden; seine geschichtete, offenporige Oberfläche macht den Herstellungsprozess ablesbar. Große Fenster beziehen gezielt Ausschnitte des Parks in die Galerien ein. Das sind Eigenschaften, die sich filmen lassen: die Oberfläche im Streiflicht, ein gerahmter Baum, der Wechsel vom Innenraum nach draußen. Was das Bild nicht entscheidet, ist, wie sich diese Ausblicke beim Rundgang tatsächlich anfühlen – oder wie unterschiedliche Besucherinnen und Besucher die Räume nutzen.

Zugang ist auch eine Gestaltungsfrage

Die Frage nach Nutzung beginnt nicht erst im Ausstellungsraum. Das Ensemble öffnet sich schrittweise; die Fondation Beyeler kündigte für die erste Phase eine begrenzte Besucherzahl und besondere Öffnungstage an, bevor der reguläre Betrieb ab Januar 2027 vorgesehen ist. Ein Film kann solche Bedingungen erwähnen, aber Zugänglichkeit nicht allein durch Bilder prüfen. Dafür braucht es konkrete Angaben etwa zu Wegen, Schwellen, Orientierung und Angeboten – und die Erfahrung der Menschen, die den Ort besuchen.

So liegt der Wert eines Architekturfilms nicht darin, das Gebäude vollständig in den Kinosaal zu holen. Er kann Aufmerksamkeit schärfen: für die Art, wie eine Wand gebaut ist, wie ein Fenster Landschaft rahmt oder wie eine Raumfolge den Blick lenkt. Die Kamera macht Auswahl sichtbar – und sollte gerade deshalb nicht mit dem Ort verwechselt werden. Zumthors Bauten bleiben nicht nur Bilder, sondern öffentliche Räume, deren Qualität sich auch daran messen muss, wer sie erreichen und wie sie sich nutzen lassen.

Redaktionell geprüft · 3. November 2026

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