BÜHNE · PORTRÄT

Ewald Palmetshofer und die Frage, woran Menschen sich halten

Ewald Palmetshofer schreibt von Figuren, die nach Orientierung suchen, während die vertrauten Gewissheiten brüchig werden. Der Ludwig-Mülheims-Theaterpreis 2026 würdigt seine Dramatik – und rückt Religion, Verantwortung und politische Sprache ins Zentrum.

Ewald Palmetshofer schreibt für eine Welt, in der die alten Antworten nicht mehr tragen. Seine Figuren reden, streiten, rechtfertigen sich – und suchen dabei nach einem Grund, der über den Augenblick hinausreicht. Das kann ein Glaube sein, eine politische Ordnung, eine Familie oder schlicht die Hoffnung, nicht allein zu bleiben. Am 2. November 2026 erhielt der 1978 in Linz geborene Dramatiker den Ludwig-Mülheims-Theaterpreis. Die Auszeichnung würdigt eine Arbeit, in der religiöse Fragen nicht als Rückkehr zu fertigen Gewissheiten erscheinen, sondern als offene, oft unbequeme Gegenwart.

Palmetshofer studierte in Wien Theologie sowie Philosophie und Psychologie auf Lehramt. Der biografische Weg erklärt nicht automatisch die Stücke; er macht aber verständlich, warum darin Fragen nach Schuld, Sinn und Verantwortung so hartnäckig wiederkehren. Der Preis des Erzbistums Köln hebt genau diese Verbindung von Theater und Religion hervor. Palmetshofer ist dabei kein Autor, der seine Figuren zu Sprachrohren einer Lehre macht. Eher lässt er sie in einer Lage sprechen, in der jede Antwort schon von Zweifeln, Interessen und gesellschaftlichen Abhängigkeiten durchzogen ist.

Sprache als Handlung

Seine Stücktitel markieren eine eigene, unverwechselbare Schreibweise: „hamlet ist tot. keine schwerkraft“, „faust hat hunger und verschluckt sich an einer grete“, „die unverheiratete“. Die Kleinschreibung und die Punkte sind mehr als typografische Eigenheiten. Sie lassen Begriffe aneinanderstoßen, halten Gedanken in der Schwebe und verweigern dem Satz den bequemen Abschluss. Die Sprache ist nicht bloß Trägerin einer Handlung; sie wird selbst zum Ort, an dem Figuren um Anerkennung und Deutung ringen.

Palmetshofer hat in einer Selbstauskunft seine Arbeit eng an das Sprechen und an die Körper der Schauspielerinnen und Schauspieler gebunden beschrieben. Das passt zu einer Dramatik, die sich nicht allein als literarischer Text verstehen lässt: Rhythmus, Wiederholung und Verschiebung müssen im Spiel hörbar werden. Seit 2019 arbeitet er als Dramaturg am Residenztheater München. Diese Tätigkeit steht neben seiner Arbeit als Autor und verbindet ihn mit dem Theaterbetrieb, in dem Texte nicht nur entstehen, sondern gemeinsam entwickelt und auf die Bühne gebracht werden.

Falstaff am Rand der Macht

Ein aktueller Zugang zu Palmetshofers politischer Fragestellung ist „Sankt Falstaff“, seine Überschreibung von Shakespeares „Heinrich IV.“. Das Stück verlegt die Konstellation in einen autoritären Überwachungsstaat: Ein Quasi-König muss über seine Nachfolge nachdenken, während Falstaff am unteren Rand der Gesellschaft mit dem jungen Harri zusammentrifft. Die politische Frage lautet nicht nur, wer herrscht. Sie betrifft auch, wie Macht Beziehungen verändert und wie leicht aus Nähe Abhängigkeit wird.

Am Wiener Burgtheater inszenierte Karin Henkel das Stück; zur österreichischen Erstaufführung am 9. Mai 2026 gehörten Bühne von Thilo Reuther, Kostüme von Teresa Vergho und Musik von Matthias Grübel. Diese Angaben beschreiben die konkrete Produktion, nicht Palmetshofers Text allein. Die Unterscheidung ist wichtig: Eine Inszenierung setzt Akzente und schafft eigene Bilder, während das Stück eine offene sprachliche und dramatische Struktur bereitstellt. Henkels Team bringt Palmetshofers Shakespeare-Bearbeitung in einen Raum, in dem Theater, politische Bedrohung und groteske Überzeichnung aufeinander bezogen werden.

Kein Halt ohne Verantwortung

Der Preis macht Palmetshofer nicht zum Verkünder einer religiösen Antwort. Interessanter ist die Spannung, die seine Stücke offenhalten: Was bleibt von Verantwortung, wenn überkommene Ordnung und metaphysische Sicherheiten schwinden? Und wie lässt sich Gemeinschaft behaupten, ohne die Schwächeren an den Rand zu drängen? In „Sankt Falstaff“ wird diese Spannung politisch zugespitzt; in früheren Arbeiten richtet sie sich auch auf Familie, soziale Herkunft und den Wunsch, gesehen zu werden.

Dass der Ludwig-Mülheims-Theaterpreis sein Werk würdigt, liest sich deshalb weniger als Feststellung eines Glaubensprogramms denn als Anerkennung einer beharrlichen Suche. Palmetshofers Figuren finden nicht einfach Halt. Sie zeigen, wie viel Arbeit es kostet, ihn zu behaupten – und welche Verantwortung daraus gegenüber anderen entsteht.

Redaktionell geprüft · 3. November 2026

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