KURZ · HINTERGRUND

Documenta 16: Das kuratorische Team wächst – die Zuständigkeiten bleiben offen

Raven Chacon, Osei Bonsu, Timea Junghaus und Noam Segal kommen zum Team der documenta 16. Die Erweiterung stärkt unterschiedliche Fachperspektiven – lässt aber offen, wie die neuen Rollen im Alltag und bei strittigen Entscheidungen verteilt sind.

Am 29. Oktober hat die documenta die Erweiterung des kuratorischen Teams für ihre 16. Ausgabe bekannt gegeben. Raven Chacon übernimmt die Rolle des „Curator-at-Large“; Osei Bonsu, Timea Junghaus und Noam Segal werden als kuratorische Berater*innen hinzukommen. Sie arbeiten mit der künstlerischen Leiterin Naomi Beckwith und dem bereits 2025 vorgestellten Kernteam. Die Ausstellung ist vom 12. Juni bis 19. September 2027 in Kassel geplant.

Die Personalie ist mehr als eine Reihe neuer Namen: Sie vergrößert die Gruppe, die an der künstlerischen Ausrichtung einer der international sichtbarsten Ausstellungen zeitgenössischer Kunst mitarbeitet. Wie viel Entscheidungsmacht mit den neuen Rollen verbunden ist, lässt sich aus der Mitteilung jedoch nur teilweise ablesen. Die documenta sagt, das gesamte Team werde gemeinsam Programm und künstlerische Vision gestalten. Einzelne Ressorts, verbindliche Zuständigkeiten und Abstimmungsregeln nennt sie nicht.

Vier Profile, keine vier vorab festgelegten Themen

Die beruflichen Erfahrungen der Neuen reichen über unterschiedliche Felder. Chacon ist Komponist, Performer und Installationskünstler; 2022 erhielt er als erster Indigener Künstler den Pulitzer-Preis für Musik. Bonsu arbeitet als Kurator und Kunsthistoriker an der Tate Modern, mit Schwerpunkten unter anderem auf Kunst aus Afrika und der afrikanischen Diaspora. Junghaus ist Kunsthistorikerin und Kuratorin; sie war Gründungsdirektorin des European Roma Institute for Arts and Culture in Berlin. Segal arbeitet als Kuratorin und Wissenschaftlerin an der Schnittstelle von zeitgenössischer Kunst, Technologie und Gesellschaft.

Diese biografischen Angaben beschreiben Expertise, aber noch kein Ausstellungsprogramm. Dass Chacon musikalisch arbeitet, bedeutet nicht automatisch, dass ihm ein Musikressort zufällt; Junghaus’ langjährige Arbeit zu Roma-Kunst legt ebenso wenig ein konkretes Thema der Ausstellung fest. Solche Schlüsse wären voreilig. Die Ankündigung führt die unterschiedlichen geografischen, disziplinären und intellektuellen Perspektiven als gemeinsame Stärke an, ordnet sie aber nicht einzeln bestimmten Aufgaben zu.

Beratung und Verantwortung

Die Titel markieren zunächst eine Unterscheidung: Chacon wird als „Curator-at-Large“ geführt, Bonsu, Junghaus und Segal als „Curatorial Advisors“. Die Bezeichnungen klingen nach verschiedenartigen Beiträgen, definieren aber für sich genommen weder Entscheidungsrechte noch Verantwortlichkeit. Ob die Berater*innen eigene Projekte entwickeln, bestimmte Arbeitsbereiche begleiten oder vor allem Impulse in die gemeinsame Konzeption einbringen, ist in der öffentlichen Mitteilung nicht näher erläutert. Auch der Handlungsspielraum des „Curator-at-Large“ bleibt dort unbestimmt.

Das ist relevant, weil die documenta diesmal nicht von einem Kollektiv als künstlerischer Leitung verantwortet wird. Beckwith wurde im Dezember 2024 zur künstlerischen Leiterin berufen. Im August 2025 stellte sie das Kernteam aus Carla Acevedo-Yates, Romi Crawford, Mayra A. Rodríguez Castro und Xiaoyu Weng vor; damals hieß es, die Gruppe werde gemeinsam Ausstellung, Publikationen und Programm entwickeln. Die neue Ankündigung erweitert diese Struktur, erklärt aber nicht, ob und wie sich die interne Verteilung von Aufgaben oder Verantwortung verändert.

Ein gemeinsamer Rahmen – und offene Fragen

Als konzeptionellen Rahmen nennt die documenta Strategien der Improvisation: Sie sollen helfen, Ungewissheit zu begegnen und Chancen wie Risiken gegenwärtiger Technologien auszuloten. Das ist eine thematische Orientierung, kein fertiges Programm. Welche Künstler*innen beteiligt sein werden und wie sich der Rahmen in Ausstellungen und Veranstaltungen niederschlägt, ist mit der Teamerweiterung nicht bekannt gegeben worden.

Die Unterscheidung zwischen gemeinsamer kuratorischer Arbeit und klarer Rechenschaft ist dabei kein bloßer Verwaltungsaspekt. Wenn mehrere Personen an einer Ausstellung mitwirken, wird für Außenstehende wichtig, wer Vorschläge entwickelt, wer Entscheidungen trifft und wer sie nach außen vertritt. Gerade bei einer Ausgabe, deren Ankündigung ausdrücklich auf Zusammenarbeit setzt, wäre eine genauere Erläuterung der Rollen ein nächster Schritt. Bis dahin gilt: Die documenta hat ihre Perspektiven verbreitert und die gemeinsame Arbeit am Programm angekündigt; wie die Zuständigkeiten im Einzelnen verteilt werden, bleibt offen.

Die documenta 16 soll vom 12. Juni bis 19. September 2027 in Kassel stattfinden.

Redaktionell geprüft · 4. November 2026

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