Was geschieht, wenn ein Abend zwei sehr verschiedene Gesellschaften auf dieselbe Musik antworten lässt? An der Mailänder Scala stehen im November George Balanchines „Apollo“ und Pina Bauschs „Le Sacre du printemps“ auf dem Programm. Die Choreografien liegen fast ein halbes Jahrhundert auseinander; beide arbeiten mit Musik von Igor Strawinsky, doch ihre Körper erzählen nicht dieselbe Geschichte von Gemeinschaft.
Die Scala kündigt „Apollo“ als Eröffnung des Abends an, gefolgt von Bauschs „Le Sacre“. Für Balanchines Ballett ist Sandra Jennings mit der Einstudierung betraut; Bauschs Werk wird von Josephine Ann Endicott künstlerisch und von einem Team um Pau Aran Gimeno, Scott Jennings, Breanna O’Mara und Ekaterina Shushakova probeneinstudiert. Das sind Angaben zum angekündigten Team, keine Beschreibung einer bereits gesehenen Aufführung: Die Vorstellungen finden erst vom 7. bis 21. November 2026 statt.
Der Einzelne steigt auf
„Apollo“ entstand 1928, als Balanchine 24 Jahre alt war. Die George Balanchine Foundation verzeichnet die Pariser Premiere mit den Ballets Russes am 12. Juni; Strawinsky dirigierte. Das Ballett war Balanchines erste Zusammenarbeit mit dem Komponisten und wurde zum Anfang einer langen künstlerischen Partnerschaft. Im Zentrum steht der Gott Apollo: Er wächst heran, begegnet den Musen Kalliope, Polyhymnia und Terpsichore und führt sie am Ende gemeinsam zum Parnass.
Die Handlung verteilt die Bühne nicht auf eine anonyme Menge, sondern ordnet sie um eine hervortretende Figur. Apollo gibt den Musen Attribute ihrer Künste und tanzt mit Terpsichore ein Pas de deux. So ist Gemeinschaft hier auch ein Gefüge von Beziehungen, die sich um einen Mittelpunkt sammeln. Der klassische Ballettkörper wird nicht abgeschafft, sondern als präzises, formbares Instrument eingesetzt: Einzelne Bewegungen treten hervor und finden in der gemeinsamen Ordnung ihren Platz. Die Scala zeigt die von Balanchine choreografierte Fassung in einer Neueinstudierung.
Die Gruppe wählt eine Einzelne
Bausch schuf „Le Sacre du printemps“ 1975 für das Tanztheater Wuppertal. Die Pina Bausch Foundation nennt Hans Pop als Mitarbeiter sowie Rolf Borzik für Bühnenbild und Kostüme. Auch hier gibt es eine Gemeinschaft und eine einzelne Figur, doch das Kräfteverhältnis ist umgekehrt: In Strawinskys Ballett wird eine junge Frau zur Auserwählten bestimmt und tanzt sich zu Tode. Bausch macht aus diesem Ritual eine körperliche Erfahrung von Zugehörigkeit und Ausgeliefertsein.
Dafür ist die Bühne entscheidend: Borziks Ausstattung sieht Erde als Bodenbelag vor, die Kostüme der Uraufführung sind auf der Stiftungsseite dokumentiert. Die Erde ist nicht bloß Landschaft, sondern Material, auf dem die Tanzenden sich bewegen und Spuren hinterlassen. Wo Balanchines Figuren eine klar gegliederte, auf ein Zentrum bezogene Ordnung bilden, rückt Bausch die Gruppe als Druck und Abhängigkeit ins Bild. Die Auserwählte steht nicht außerhalb der Gemeinschaft; gerade deren Zusammenhalt macht ihr Schicksal möglich.
Strawinsky, zwei Antworten
Der gemeinsame Komponist bedeutet also keine gemeinsame Haltung. „Apollo“ nimmt den Mythos als Aufstieg und Verwandlung: Ein Individuum tritt hervor, führt andere zusammen und steigt mit ihnen auf. „Le Sacre“ bindet die Einzelne an ein Kollektiv, dessen Ritual sie hervorbringt und zugleich opfert. Die Musik wird in beiden Werken zum Motor choreografischer Ordnung, aber die Ordnung selbst ist verschieden – hier Konzentration und Aufwärtsbewegung, dort Auswahl, Widerstand und gemeinsamer Vollzug.
Für die Scala ist die Gegenüberstellung auch eine Begegnung von Repertoire und neuer Produktion: Balanchines Ballett kehrt in einer vom Trust betreuten Fassung zurück; Bauschs „Sacre“ entsteht als gemeinsame Produktion des Hauses und der Pina Bausch Foundation. Was die Tänzerinnen und Tänzer daraus auf der Bühne machen, lässt sich erst in den Vorstellungen beurteilen. Schon die Programmfolge aber setzt eine produktive Frage: Ist Gemeinschaft ein Ort, an dem Einzelne wachsen – oder eine Ordnung, die ihren Preis von ihnen fordert?
Redaktionell geprüft · 3. November 2026


