Ein Kunstpreis kann eine Sammlung verändern. In Köln wird das am Wolfgang-Hahn-Preis besonders deutlich: Die Auszeichnung für Lee Ufan ist nicht nur eine Ehrung, sondern auch der Weg, über den ein Werk des Künstlers in den Bestand des Museum Ludwig gelangt. Die Preisverleihung ist für den 6. November 2026 vorgesehen; die begleitende Präsentation beginnt am folgenden Tag.
Das Modell verbindet drei Rollen: Eine Fördergesellschaft finanziert den Preis, eine Jury wählt die geehrte Position, und das Museum erhält einen Ankauf, der seine Sammlung langfristig prägt. Diese Verbindung macht den Preis kulturpolitisch interessant – und stellt eine Frage, die über Lee Ufan hinausreicht: Wie wird begründet, welche Kunst in einem öffentlichen Museum künftig sichtbar bleibt?
Preisgeld wird Sammlung
Der Wolfgang-Hahn-Preis wird seit 1994 von der Gesellschaft für Moderne Kunst am Museum Ludwig vergeben. Nach Angaben der Institution ist er vor allem Künstlerinnen und Künstlern zugedacht, deren international anerkanntes Werk in Deutschland noch weniger bekannt ist, als es sein sollte. Das Preisgeld beträgt bis zu 100.000 Euro und ist für den Erwerb eines Werks oder einer Werkgruppe für die Museumssammlung bestimmt. Eine Ausstellung und eine Publikation begleiten die Auszeichnung.
Damit ist der Preis mehr als ein Scheck an eine Künstlerin oder einen Künstler: Das Geld fließt in eine Erwerbung, die das Museum dauerhaft vertritt. Die Gesellschaft für Moderne Kunst finanziert den Preis aus Mitgliedsbeiträgen. Zugleich weist sie darauf hin, dass der Ankauf Lee Ufans nur durch das Entgegenkommen des Künstlers und seiner Galerien möglich werde. Der veröffentlichte Höchstbetrag verrät also nicht den tatsächlichen Kaufpreis oder die genauen Konditionen.
Das Verfahren ist teilweise offengelegt. Die Jury setzt sich aus dem Direktor des Museum Ludwig, einer jährlich wechselnden Gastjurorin oder einem Gastjuror und Vorstandsmitgliedern der Gesellschaft zusammen. Als Kriterien nennt die Gesellschaft eine über Jahrzehnte entwickelte künstlerische Praxis, internationale Anerkennung und eine bislang unzureichende Präsenz im Museum. Das schafft eine nachvollziehbare institutionelle Begründung. Nicht öffentlich dokumentiert sind dagegen eine Kandidatenliste, einzelne Abstimmungen oder abweichende Stimmen. Daraus lässt sich keine Unregelmäßigkeit ableiten; es begrenzt aber, wie genau Außenstehende den Entscheidungsweg nachvollziehen können.
Eine Lücke, mehrere Lesarten
Für Museumsdirektor Yilmaz Dziewior schließt Lee Ufan eine Lücke: Obwohl der Künstler in den 1970er-Jahren in Deutschland und im Rheinland präsent war, besaß das Museum Ludwig bislang kein Werk von ihm. Die Gesellschaft verweist außerdem auf das langjährige Interesse der Sammler Peter und Irene Ludwig an asiatischer Kunst. Das sind unterschiedliche, miteinander vereinbare Argumente: das Fehlen einer wichtigen Position und ihre Anschlussfähigkeit an die Sammlungsgeschichte des Hauses.
Lee Ufan, 1936 in Südkorea geboren und in Japan lebend, gilt als Mitbegründer der Mono-ha-Bewegung. Diese japanische Kunstströmung der späten 1960er- und frühen 1970er-Jahre rückte die Beziehungen zwischen Materialien, Dingen und Raum ins Zentrum. Für die Kölner Präsentation ist ein Raum mit fünf Gemälden der Serie „Response“ angekündigt. Lee arbeitet dort laut Museum mit breiten Pinselzügen auf großformatiger Leinwand; Schichten und unbemalte Fläche treten in ein Spannungsverhältnis. Eines der Bilder soll in die Sammlung eingehen. Welches Werk es ist und zu welchem Preis es erworben wird, ist in den herangezogenen Angaben nicht ausgewiesen.
Einfluss ohne Alleinentscheidung
Die Fördergesellschaft gestaltet den Museumsbestand mit, entscheidet aber nicht allein: Der Direktor des Hauses sitzt ebenfalls in der Jury, die Gastjurorin bringt eine weitere fachliche Perspektive ein. Die Konstruktion ist damit weder eine rein interne Museumsankaufspolitik noch eine Entscheidung allein durch private Fördernde. Ihre Unabhängigkeit lässt sich jedoch nicht bloß aus der Zusammensetzung ableiten. Dafür wären auch Einblicke in Auswahl, Beratung und mögliche Interessenkonflikte nötig – Informationen, die öffentlich nur begrenzt vorliegen.
Der Fall Lee Ufan zeigt zugleich, warum solche Preise für Sammlungen wichtig sein können. Sie eröffnen einem Museum einen finanzierten Zugang zu einer künstlerischen Position, die im eigenen Bestand fehlt, und machen die Auswahl öffentlich diskutierbar. Das Versprechen liegt nicht darin, dass jede Entscheidung unumstritten sein muss. Entscheidend ist, dass ihre Gründe erkennbar sind – und dass ein Preis nicht mit dem Ende der Debatte verwechselt wird, sondern mit einer dauerhaften Entscheidung darüber, was das Museum bewahren und zeigen will.
Redaktionell geprüft · 1. November 2026


