BÜHNE · VORSCHAU

Rachmaninow jenseits des Konzertflügels

Sergei Rachmaninow ist vor allem als Komponist großer Klavierwerke bekannt. Das Opernhaus Zürich stellt heute seine drei Einakter zusammen – ein Abend, der selten gespielte Bühnenwerke in einen neuen dramaturgischen Zusammenhang bringt.

Ein Komponist am Klavier: Das ist das Bild Sergei Rachmaninows, das sich in den Konzertsaal eingeschrieben hat. Doch seine Bühnenwerke erzählen von Menschen, die an Besitz, Eifersucht und Begehren zugrunde gehen. Heute, am 1. November, setzt das Opernhaus Zürich ihnen einen ganzen Abend entgegen: „Aleko“, „Der geizige Ritter“ und „Francesca da Rimini“ stehen in der Regie von Dmitri Tcherniakov auf dem Spielplan. Die Premiere beginnt um 18 Uhr.

Es ist ein ungewöhnliches Format, nicht eine einzelne Oper, sondern Rachmaninows drei vollendete Bühnenwerke in einer Folge zu erleben. Der Abend dauert laut Opernhaus rund drei Stunden und 25 Minuten, mit einer Pause nach dem ersten Teil. Gianandrea Noseda leitet das Orchester der Oper Zürich; gesungen wird auf Russisch, mit deutschen und englischen Übertiteln. Wie Tcherniakov die drei Geschichten szenisch verbindet, wird sich erst in der Aufführung zeigen. Der Spielplan beschreibt sie als Studie menschlicher Abgründe – eine Setzung, die den Blick auf die gemeinsame dunkle Grundierung lenkt.

Drei Geschichten, drei Abgründe

„Aleko“ entstand 1892 als Abschlussarbeit des jungen Rachmaninows am Moskauer Konservatorium. Die Oper führt in eine Gemeinschaft von Roma und zu einem Mann, der Freiheit sucht, aber an seinen Besitzansprüchen scheitert. Mit dem „Geizigen Ritter“ wandte sich Rachmaninow später erneut Alexander Puschkin zu: Im Mittelpunkt steht ein Vater, dessen Verhältnis zum Gold die Beziehung zu seinem Sohn vergiftet. „Francesca da Rimini“ greift eine Episode aus Dantes „Göttlicher Komödie“ auf – eine verbotene Liebe, deren Geschichte in der Hölle erzählt wird.

Die drei Einakter liegen zeitlich auseinander: Auf das frühe „Aleko“ folgten die beiden späteren Opern, die Rachmaninow 1906 fertigstellte. Zusammengefasst sind sie nicht durch eine fortlaufende Handlung, sondern durch die Frage, was Menschen einander antun, wenn Begehren, Macht oder Gier die Oberhand gewinnen. Das eröffnet eine dramaturgische Möglichkeit: Die Werke können sich gegenseitig kommentieren, Motive spiegeln oder Kontraste schärfen. Ob die Inszenierung daraus einen durchgehenden Bogen formt oder die Unterschiede betont, lässt sich vor der Premiere nicht vorwegnehmen.

Opern statt Klavierbild

Rachmaninows Ruf als Pianist kann die Wahrnehmung seiner Opern leicht überlagern. Dabei führt gerade der Vergleich der drei Stücke über das vertraute Bild des Virtuosen hinaus: Die Bühnenwerke beruhen auf literarischen Vorlagen, vom Puschkin-Abschlusswerk bis zu Dantes mittelalterlichem Epos. Sie verlangen kein biografisches Rätselraten, sondern lenken auf die dramatische Arbeit des Komponisten: Wie werden literarische Konflikte zu Musik und Szene?

Ein Dreierabend verändert auch die Erwartung an das Publikum. Statt sich auf einen einzigen Handlungsbogen einzulassen, wechselt man zwischen verschiedenen Zeiten, Figuren und literarischen Welten. Die Pause nach dem ersten Teil teilt den Abend, ohne die drei Opern voneinander zu lösen. Gerade darin liegt der Reiz des Formats: Es kann ein Repertoire, das selten als geschlossener Abend erscheint, als zusammenhängende Erfahrung hörbar machen – sofern die Unterschiede zwischen den Werken nicht eingeebnet werden.

Neben dem Dirigenten und dem Regisseur tragen bekannte Stimmen den Abend: Vladislav Sulimsky übernimmt Aleko, Elena Stikhina singt Zemfira und später Francesca; Bekhzod Davronov ist unter anderem als Paolo zu hören. Die Zürcher Produktion ist bis zum 28. November angesetzt. Sie lädt dazu ein, Rachmaninow nicht nur am Konzertflügel, sondern als Opernkomponisten zu begegnen – und drei kurze Dramen auf ihre überraschenden Nachbarschaften hin zu prüfen.

Redaktionell geprüft · 1. November 2026

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