Ein Stück Papiermaché, Gips und Farbe, vielleicht ein knorriger Bogen oder eine unförmige Ausstülpung: Franz Wests Passstücke sehen aus, als könnten sie zugleich Werkzeug, Stütze und Fremdkörper sein. Seit Mitte der 1970er-Jahre entwickelte der Wiener Künstler solche tragbaren Objekte. Sie sollten nicht bloß betrachtet, sondern an den Körper gehalten, mit ihm ausprobiert werden. Was gewöhnlich im Museum gilt – Abstand halten, nicht berühren – gerät bei West damit selbst zum Thema.
Ab 6. November widmet die Albertina Modern dem 2012 gestorbenen Künstler die Retrospektive „Franz West. Die Revolution der Skulptur“. Sie läuft bis 29. März 2027. Gleichzeitig richtet das Wien Museum den Blick auf die Stadt und die prägenden Jahre Wests, von den späten 1960ern bis in die frühen 1980er-Jahre. Anlass ist sein 80. Geburtstag, den er am 16. Februar 2027 erreicht hätte. Die beiden Häuser setzen unterschiedliche Schwerpunkte; zusammen rücken sie Werk und Herkunft in Beziehung.
Eine Skulptur, die den Körper mitdenkt
West wuchs in Wien auf und arbeitete in einer Kunstszene, in der die Grenzen zwischen Werk, Handlung und Alltag neu verhandelt wurden. Impulse des Wiener Aktionismus sind ein wichtiger Kontext, aber die Passstücke sind keine bloßen Requisiten einer Performance. Sie verlagern die Frage nach der Skulptur: Statt einer abgeschlossenen Form auf einem Sockel entsteht eine Situation, in der ein Gegenstand auf einen Körper trifft.
Der Name „Passstück“ klingt nach etwas, das passen soll. Doch die Formen geben keine eindeutige Gebrauchsanweisung und versprechen keine bequeme Anpassung. Ihre Bedeutung entsteht mit den Menschen, die ihnen begegnen – durch Halten, Tragen oder schlicht durch die Vorstellung davon. Das Publikum wird dabei nicht automatisch Mitautor eines beliebigen Spiels: Wests Einladung ist eine künstlerische Setzung, keine pauschale Erlaubnis, jedes Original anzufassen.
Einladung und Schutz im Museum
Genau darin liegt eine praktische Spannung. Ein Werk kann für körperliche Interaktion gedacht sein und dennoch empfindlich, konservatorisch gefährdet oder als Original nicht für den direkten Gebrauch freigegeben sein. „Benutzung“ ist deshalb nicht nur eine Eigenschaft des Gegenstands, sondern auch eine Entscheidung darüber, wie das Museum ihn zeigt. Es kann Abstand verlangen, eine Replik anbieten oder den Umgang durch Vermittlung und Aufsicht ermöglichen. Welche dieser Lösungen die Albertina für die einzelnen Arbeiten vorsieht, geht aus den veröffentlichten Ausstellungsinformationen nicht hervor; die konkreten Regeln sollten Besucherinnen und Besucher vor Ort beachten.
Diese Unterscheidung ist mehr als eine Frage der Vorsicht. Ein Ausstellungsobjekt steht in einem institutionellen Rahmen: Es wird bewahrt, beschrieben und als Werk identifiziert. Ein benutzbares Stück dagegen verändert sich im Kontakt – zumindest in seiner Bedeutung, manchmal auch materiell. Bei West wird die Grenze zwischen beidem nicht einfach aufgehoben. Sie wird sichtbar und muss jeweils neu ausgehandelt werden.
Wien als Material
Das Wien Museum ergänzt die Werkschau um biografische und städtische Bezüge. Die Ausstellung „Franz West und Wien“ läuft vom 6. November 2026 bis zum 2. Mai 2027. Im Zentrum stehen frühe Arbeiten und die Frage, wie West seine Heimatstadt nicht nur als Schauplatz, sondern als Material seiner Kunst aufgriff. Dazu gehört „Zitat“ von 1985: Das Werk verbirgt Wests Jugendbett aus dem Karl-Marx-Hof unter Zinnfolie. Auch eine frühe Collage greift Tapete aus dem Zimmer seines Halbbruders auf.
So wird die Museumsfrage konkreter. Wests Kunst fordert nicht einfach dazu auf, alles anzufassen; sie macht den Abstand zwischen Gegenstand und Gebrauch verhandelbar. Die Wiener Doppelschau verspricht, diese Reibung aus zwei Richtungen zu betrachten: als Frage nach dem Körper in der Skulptur und als Frage danach, wie eine Stadt, ein Alltag und ein Museum in Kunst eingehen.
Redaktionell geprüft · 31. Oktober 2026


