BILDENDE KUNST · VORSCHAU

Wer hält die Bewegung fest – und wer verschwindet aus dem Bild?

Eine Bewegung beginnt und ist schon wieder vorbei. Die Ausstellung „TANZ!“ in der Kunsthalle Mannheim verfolgt, wie Künstlerinnen und Künstler den Tanz seit mehr als 125 Jahren festhalten – und lenkt den Blick auch auf Körper, Choreografie und Aufführung.

Eine Tänzerin hebt den Arm, verlagert das Gewicht, dreht sich – und entzieht sich schon im nächsten Augenblick dem Bild. Der Tanz stellt die bildende Kunst vor ein altes Problem: Wie lässt sich Bewegung festhalten, ohne sie in eine Pose zu verwandeln? Die Kunsthalle Mannheim macht diese Spannung zum Ausgangspunkt ihrer Ausstellung „TANZ!“, die am 13. November beginnt.

Über mehr als 125 Jahre spannt die Schau den Bogen, von Edgar Degas’ Tänzerinnen über die Avantgarden bis in die Gegenwart. Gemälde und Skulpturen stehen neben Zeichnungen, Bühnenkostümen, Installationen, Video und Performance. Werke von Ernst Ludwig Kirchner, Oskar Schlemmer und Georg Kolbe sollen mit Arbeiten von Lavinia Schulz, Marie Laurencin und Alexandra Exter ins Gespräch kommen. Das Konzept stammt von Johan Holten; kuratiert wird die Ausstellung von Holten und Julia Katharina Thiemann.

Vom Bild zur Aufführung

Schon die Bandbreite der angekündigten Medien verschiebt die Frage: Nicht nur, was ein Bild von einem Tanz zeigt, sondern auch, wer ihn ausführt und wie seine Arbeit überliefert wird. Ein Gemälde bleibt als Objekt erhalten. Eine Choreografie dagegen lebt zunächst in Körpern, Proben und Wiederholungen. Ihre Notation, ihre Aufzeichnung oder eine spätere Aufführung können Spuren sichern – aber keine Bewegung unverändert konservieren.

Das ist mehr als ein Unterschied der Materialien. In der Malerei ist der Name der Urheberin oder des Urhebers meist fest mit dem Werk verbunden. Beim Tanz verteilt sich die Arbeit auf Choreografie, Ausführung, Training und oft auch auf technische und organisatorische Beteiligte. Wer wird genannt, wer erscheint im Bild, wessen Leistung bleibt dokumentiert? Die angekündigte Verbindung von Tanzdarstellungen, Kostümen und Performance bietet die Gelegenheit, diese Zuschreibungen mitzudenken. Ob die Ausstellung sie ausdrücklich thematisiert, muss sich vor Ort zeigen.

Körper als Form und Aussage

Die Kunsthalle kündigt neben historischen Positionen auch zeitgenössische Auftragsarbeiten von Tino Sehgal und Isaac Chong Wai an. Choreografie spielt laut Ausstellungskonzept zudem als Inspirationsquelle für Künstlerinnen und Künstler wie Emma Amos und Barkley L. Hendricks eine Rolle. Damit rückt nicht nur der bewegte Körper ins Blickfeld, sondern auch die Ordnung, die Bewegung formt: Wer darf auftreten, welche Körper gelten als schön oder passend, und wer bleibt am Rand?

Die Geschichte der Tanzdarstellung ist keine neutrale Abfolge immer neuer Posen. Körperbilder transportieren Vorstellungen von Geschlecht, Identität und Idealität. Eine Ausstellung, die Malerei und Skulptur mit Performance zusammenführt, kann zeigen, wie unterschiedlich diese Vorstellungen in einem dauerhaften Objekt und in einer flüchtigen Aufführung wirksam werden. Entscheidend wird sein, ob die Ausführenden nicht bloß als Motiv erscheinen, sondern als Trägerinnen und Träger einer eigenen künstlerischen Arbeit.

Was bleibt, wenn der Moment vergeht?

Live-Performances sind angekündigt; welche konkreten Arbeiten wann zu erleben sein werden, ist in den zugänglichen Ausstellungsangaben nicht im Einzelnen beschrieben. Gerade diese Offenheit macht die Vorschau-Frage dringlich: Ein Bild kann Bewegung festschreiben, ein Video sie wiederholbar machen, eine Aufführung sie neu entstehen lassen. Keines dieser Verfahren ist neutral. Jedes entscheidet mit, was sichtbar wird und was verloren geht.

„TANZ!“ läuft bis zum 7. März 2027 in der Kunsthalle Mannheim. Die Ausstellung verspricht keine einfache Antwort darauf, wer im Bild bleibt. Ihr Reiz liegt zunächst in der Möglichkeit, die Grenze zwischen dargestelltem Tanz und geleisteter Arbeit genauer zu betrachten – und darauf zu achten, wem die Bewegung zugeschrieben wird.

Redaktionell geprüft · 31. Oktober 2026

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