BÜHNE

Ballett-Avantgarde: Die Tradition in Bewegung

Avantgarde im Ballett heißt nicht, die Tradition einfach abzuschütteln. Der dreiteilige Abend „Different Grounds“ in der Semperoper zeigt, wie sich klassische Formen biegen, zerlegen und neu zusammensetzen lassen.

Ballett ist eine Kunst der festen Formen – und gerade deshalb ein Feld für Aufbrüche. Die Avantgarde beginnt nicht erst dort, wo Spitzenschuhe verschwinden oder die Musik verstummt. Sie kann schon einsetzen, wenn ein vertrauter Schritt anders belastet, ein Körper anders gruppiert oder die Beziehung zwischen Bewegung und Klang neu geordnet wird.

Am Samstag, 31. Oktober, bringt die Semperoper Dresden mit „Different Grounds“ drei Uraufführungen auf die Bühne. Stephanie Lake, Julian Nicosia und Shahar Binyamini arbeiten mit dem Semperoper Ballett an unterschiedlichen Antworten auf dieselbe Frage: Was bleibt vom klassischen Ballett, wenn seine Regeln nicht mehr als Ziel, sondern als Material behandelt werden?

Der Bruch gehört zur Geschichte

Avantgarde ist kein einheitlicher Stil, sondern eine Haltung zum Überlieferten: Man nimmt die Form ernst genug, um sie zu verändern. Ein früher Einschnitt kam mit den Ballets Russes, die Sergej Diaghilew 1909 nach Paris brachte. Choreografen, Komponisten und bildende Künstler arbeiteten dort eng zusammen. Tanz wurde nicht länger bloß von Musik begleitet; Klang, Kostüm, Bühne und Bewegung bildeten eine gemeinsame künstlerische Konstruktion.

„Le Sacre du printemps“ von Igor Strawinsky und Vaslav Nijinsky, 1913 uraufgeführt, steht für jene Moderne, die dem klassischen Ideal harmonischer Linien eine kantigere, rhythmisch zugespitzte Körperlichkeit entgegensetzte. Der Skandal ist Teil der Überlieferung, aber nicht die Definition der Avantgarde. Entscheidend war die Verschiebung: Der Körper musste nicht länger eine schöne, abgeschlossene Form bestätigen. Er konnte Widerstand, Masse, Rhythmus und Gemeinschaft sichtbar machen.

Drei Sprachen, ein Ensemble

„Different Grounds“ setzt nicht auf ein einziges Manifest. Der Abend bündelt drei choreografische Handschriften, die laut Semperoper aus unterschiedlichen Tanztraditionen kommen und mit dem Ensemble entwickelt wurden. Lake choreografiert „Quanta“ zur elektronischen Musik von Robin Fox. Schnelle, rhythmische Abschnitte wechseln mit Bewegungen, die wie verlangsamt wirken. Der Titel verweist auf kleinste Einheiten: Die einzelnen Tänzerinnen und Tänzer werden zu Elementen, aus deren Beziehungen sich eine größere Ordnung bildet.

In Nicosias „A Quiet Collision“ trifft eine zunächst neoklassisch geprägte Gruppensprache auf ein zunehmend individuelles, bodennäheres Bewegen. Das Ballettvokabular wird dabei nicht einfach abgelegt, sondern gedehnt und gebrochen. Michael Anklin und Janiv Oron komponierten die Musik. Der Wechsel von gemeinsamem Muster zu auseinanderstrebenden Einzelbewegungen macht die Spannung zwischen Ordnung und Instinkt zum choreografischen Prinzip.

Binyaminis „Body Suites“ stellt dazu eine andere Frage: Wie verhält sich der Körper zur Schwerkraft? Ausgangspunkt sind Johann Sebastian Bachs Cellosuiten, live gespielt von einem Cellisten der Sächsischen Staatskapelle. Das Besondere liegt auch im klassischen Zeichen des Balletts: Tänzerinnen und Tänzer treten auf Spitzenschuhen auf. Die Technik wird nicht als nostalgisches Abzeichen verwendet, sondern als körperliche Herausforderung, die Balance und Erdung neu lesbar machen soll.

Tradition als Werkzeug

Der Abend verspricht keine radikale Abkehr von der Ballettgeschichte. Seine Experimente werden gerade durch deren Vokabular verständlich: Fußpositionen, Spitzenschuhe, Gruppenformationen. Der Bruch braucht eine Form, an der er sich reiben kann. So liegt die Avantgarde hier weniger im Spektakel des Neuen als in der Frage, wer Bewegung ordnet – die überlieferte Technik, die Musik, die Choreografie oder die Tänzerinnen und Tänzer selbst.

Ob diese drei Antworten auf der Bühne zusammenfinden, lässt sich vor der Premiere nicht beurteilen. Sicher ist: „Different Grounds“ versammelt nicht bloß verschiedene Stücke, sondern macht den Wandel selbst zum Thema. Das Ballett bleibt erkennbar – und gerade dadurch wird sichtbar, wie viel Veränderung in seiner Tradition steckt.

Redaktionell geprüft · 30. Oktober 2026

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