Hans Falladas „Kleiner Mann – was nun?“ beginnt mit einem Glück, das kaum etwas verlangt: Johannes Pinneberg und Emma Mörschel, genannt Lämmchen, erwarten ein Kind und heiraten. Doch für das junge Paar steht die Welt auf unsicherem Grund. Arbeitslosigkeit, knappe Kassen und politische Unruhe bestimmen den Alltag. Als Pinneberg seine Stelle verliert und sich von Anstellung zu Anstellung hangelt, wird aus der privaten Frage nach einem gemeinsamen Leben eine soziale: Wie viel Sicherheit kann sich ein Mensch erarbeiten – und wie schnell wird sie ihm wieder entzogen?
Am 30. Oktober bringt das Schauspiel Frankfurt den Roman in der Regie von Luise Voigt auf die Bühne. Das Haus kündigt eine von den Revuen der 1920er Jahre inspirierte Show an, die Falladas Geschichte ins 21. Jahrhundert versetzt. Das ist ein Konzept, noch kein Urteil über die Aufführung. Interessant ist die Frage, die es aufwirft: Kann die Form der Revue den Druck auf die kleinen Leute sichtbar machen, ohne die Weltwirtschaftskrise zur bloßen Folie für heutige Sorgen zu verkleinern?
Ein Paar im Sog der Verhältnisse
Der 1932 erschienene Roman folgt Pinneberg und Lämmchen durch eine Zeit, in der wirtschaftliche Not nicht abstrakt bleibt. Sie sitzt in den Bedingungen der Arbeit, in Abhängigkeit von Vorgesetzten und in der Angst vor dem nächsten Absturz. Das Paar sucht keinen großen Aufstieg, sondern ein Leben, das sich tragen lässt. Lämmchen wird dabei zum Gegenpol der Verzweiflung: nicht, weil Liebe die materiellen Verhältnisse aufhebt, sondern weil sie Pinneberg Halt gibt.
Gerade darin liegt die Spannung des Buches. Fallada erzählt von Menschen, die weder über Macht noch über große Reserven verfügen. Ihre Verletzlichkeit ist gesellschaftlich bedingt; ihr Alltag lässt sich nicht auf individuelle Fehlentscheidungen reduzieren. Zugleich wird die Geschichte nicht zur politischen Abhandlung: Sie bleibt nah an Beziehungen, Gewohnheiten und den kleinen Hoffnungen, die eine Krise überdauern sollen.
Revue statt Gleichsetzung
Voigts Frankfurter Fassung greift die Revue als Form auf: ein Theater des Tempos, der Nummern und wechselnder Rollen. Die Ankündigung nennt Björn SC Deigner für Musik und Songs, Natascha von Steiger für die Bühne und Maria Strauch für die Kostüme; Minako Seki verantwortet die Choreografie. Matthias Redlhammer ist als Conférencier angekündigt. Nina Wolf spielt Lämmchen, Arash Nayebbandi Pinneberg. Weitere Ensemblemitglieder übernehmen mehrere Rollen, dazu kommt eine Gruppe von Tänzerinnen und Tänzern.
Ein Conférencier und ein Ensemble, das Figuren wechselt: Das kann die gesellschaftliche Bühne betonen, auf der Menschen nicht nur mit Geldmangel, sondern auch mit Rollen und Erwartungen konfrontiert sind. Wie das konkret im Frankfurter Schauspielhaus aussehen wird, lässt sich vor der Premiere nicht sagen. Die Form kann das Zirkulierende der Krise hervorheben – Arbeit, Konsum, Demütigung, Hoffnung. Sie birgt aber auch die Herausforderung, dass die historische Erfahrung nicht im Glanz einer Show verschwindet.
Was heißt Sicherheit heute?
Die Gegenwart ist nicht die Welt von Pinneberg und Lämmchen. Die Weimarer Republik, die Weltwirtschaftskrise und das Erstarken des Faschismus lassen sich nicht mit heutigen Lebenslagen gleichsetzen. Ein Vergleich kann dennoch produktiv sein, wenn er Unterschiede mitdenkt: Er fragt dann nicht, ob „alles wieder genauso“ sei, sondern wie Abhängigkeit entsteht, wer Risiken trägt und welche Sicherheiten brüchig werden.
Genau an dieser Stelle wird die Frankfurter Premiere zum Anlass für mehr als eine Klassikerbegegnung. Falladas Titel stellt die Frage nach dem „Was nun?“ nicht als private Lebenshilfe, sondern vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Verhältnisse. Voigts Revue will diese Frage in die Gegenwart holen. Ob die Inszenierung die historische Distanz und die heutige Unruhe zugleich offenhält, wird sich erst auf der Bühne zeigen. Premiere ist am Freitag, 30. Oktober 2026, um 19.30 Uhr im Schauspielhaus des Schauspiel Frankfurt.
Redaktionell geprüft · 28. Oktober 2026


