Eine künstliche Freundin kann man kaufen. In Kazuo Ishiguros Roman „Klara und die Sonne“ steht Klara zunächst in einem Laden: eine sogenannte künstliche Freundin, geschaffen, um Jugendlichen Gesellschaft zu leisten. Als Josie und ihre Mutter sie auswählen, wird aus dem Verkaufsversprechen ein Familienverhältnis – zumindest sieht es Klara so. Taika Waititis Verfilmung startet am 29. Oktober 2026 bundesweit in den deutschen Kinos.
Der entscheidende Tausch ist nicht bloß Geld gegen Technik. Gekauft wird die Aussicht auf Zuwendung: aufmerksam, loyal, verfügbar. Gerade darin steckt die Unruhe, die Ishiguros Zukunftserzählung entfaltet. Wenn Nähe als Produkt angeboten wird, stellt sich die Frage, wessen Bedürfnis sie erfüllt – und wer darüber bestimmt, wann sie genügt.
Eine Ware, die Freundschaft verspricht
Klara ist kein gewöhnlicher Haushaltshelfer. Sie soll nicht nur Aufgaben erledigen, sondern Gesellschaft leisten. Der Roman erzählt aus ihrer Perspektive; ihre genaue Beobachtung der Menschen macht sichtbar, wie verschieden sie und ihre Käufer dasselbe Verhältnis verstehen können. Für die Familie gehört Klara zur gekauften Ausstattung eines Lebens, das sich kontrollieren und verbessern lassen soll. Für Klara ist die Verbindung zu Josie der Mittelpunkt ihrer Welt.
Diese Spannung reicht über die Frage hinaus, ob eine Maschine wirklich fühlen kann. Menschen können sich zu einer künstlichen Stimme oder Figur hingezogen fühlen, auch wenn sie wissen, dass kein menschliches Gegenüber antwortet. Die Gefühle auf ihrer Seite sind deshalb nicht automatisch unecht. Doch eine solche Beziehung bleibt ungleich: Das System wird angeboten, ausgewählt und genutzt; über seine Verfügbarkeit entscheiden andere. Die Bezeichnung „Freundin“ lässt diese Asymmetrie beinahe verschwinden.
Fürsorge mit Bedingungen
Der Roman setzt in einer Zukunft an, in der technische Möglichkeiten und gesellschaftliche Erwartungen eng zusammenliegen. Klara soll Josie Gesellschaft leisten, aber ihre Aufgabe berührt auch ein größeres Versprechen: Fürsorge könne geplant, beschafft und an eine Maschine delegiert werden. Das ist eine attraktive Idee, gerade dort, wo Menschen einsam sind oder Unterstützung fehlt. Zugleich verschiebt sie den Blick von den Bedingungen menschlicher Nähe auf die Eigenschaften des Produkts.
Eine künstliche Begleiterin muss nicht müde, abgelenkt oder eigensinnig sein. Sie kann so entworfen werden, dass sie geduldig wirkt und sich auf eine Person einstellt. Das klingt nach Entlastung. Aber Fürsorge besteht nicht nur aus freundlicher Aufmerksamkeit. Sie braucht Gegenseitigkeit, Verantwortung und manchmal auch Widerstand: Ein Mensch kann Grenzen setzen, widersprechen oder selbst Hilfe benötigen. Eine käufliche Begleitung verspricht dagegen vor allem Verfügbarkeit. Der Komfort des Angebots kann zur stillen Erwartung werden, dass Nähe ohne Zumutung auskommt.
Der Europäische Parlamentsdienst verweist in einer Übersicht zu KI und Wohlbefinden auf mögliche soziale Unterstützung durch KI-Begleiter, aber auch auf Forschung, die bei übermäßiger Nutzung Risiken für Wohlbefinden und menschliche Beziehungen untersucht. Das ist keine abschließende Antwort auf die Frage, ob solche Angebote nützen oder schaden. Es markiert vielmehr, worauf es ankommt: auf Einsatz, Gestaltung und darauf, welche Beziehungen sie ergänzen – oder verdrängen.
Ishiguros leise Science-Fiction
Ishiguro, der 2017 den Literaturnobelpreis erhielt, hat mit „Alles, was wir geben mussten“ bereits eine Zukunftserzählung geschrieben, in der technische Möglichkeiten eine unbequeme Ordnung des Menschlichen sichtbar machen. Auch „Klara und die Sonne“ erklärt seine Welt nicht mit einem großen Regelwerk. Sie wird nach und nach aus Beobachtungen und Andeutungen verständlich. Das Science-Fiction-Szenario dient weniger als Prognose denn als Vergrößerungsglas: Es rückt vertraute Bedürfnisse und Hierarchien in ein fremdes Licht.
Der Film übernimmt die Grundkonstellation des 2021 erschienenen Romans. Regie führte Taika Waititi; Jenna Ortega spielt Klara, Mia Tharia Josie und Amy Adams ihre Mutter. Wie die Verfilmung Ishiguros Erzählperspektive in Bilder übersetzt, ist eine eigene Frage – dieser Hintergrundartikel nimmt ihr die Antwort nicht vorweg. Klar ist schon die Ausgangsidee: Nicht die Maschine allein ist das Thema, sondern die menschliche Ordnung, die sie zur Freundin erklärt und zugleich als Besitz behandelt.
So führt der Kinostart zu einer Frage, die weder Technikbegeisterung noch Technikangst erledigt: Was genau kaufen Menschen, wenn sie eine künstliche Begleiterin kaufen? Vielleicht nicht Freundschaft im strengen Sinn. Eher die Hoffnung, dass jemand da ist, aufmerksam bleibt und sich nicht abwendet. Der Preis dieser Hoffnung lässt sich nicht allein in Geld beziffern. Er zeigt sich auch darin, welche Formen von Fürsorge eine Gesellschaft selbst organisiert – und welche sie lieber als Produkt bestellt.
Redaktionell geprüft · 28. Oktober 2026


